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Bild: “Desert Trip” von Claus Rebler. Lizenz: CC BY-SA 2.0


Der neue Straftatbestand der Verstümmelung weiblicher Genitalien stellt erstmals diese Tathandlung ausdrücklich unter Strafe. Was es damit auf sich hat und ob eine solche Regelung notwendig ist, wird in diesem Artikel erläutert.

Wie bereits im Artikel über den neuen Straftatbestand der Zwangsheirat gem. § 237 StGB erwähnt, handelt es sich bei Deutschland um ein pluralistisches Land mit einer Vielzahl von Kulturen und Traditionen. Hierzu gehört teilweise auch die sogenannte Genitalverstümmelung.

Verbreitung und Kultur

Vor allem die weibliche Genitalverstümmelung ist weit verbreitet. Zwar betrifft dies vorwiegend manche afrikanische Länder, allerdings gibt es auch in Deutschland zahlreiche Betroffene.

Es lassen sich verschiedene Formen, je nach Intensität unterscheiden. Diese reichen von der bloßen Entfernung der Klitorisvorhaut bis hin zur kompletten Entfernung von Schamlippen und Klitoris und anderen Variationen. Sämtliche Formen fallen unter den Begriff der Genitalverstümmelung.

Schwere gesundheitliche Schäden, sowohl körperliche als auch psychische, sind in den meisten Fällen die Folge. Diese können erhebliche Ausmaße annehmen und die Betroffenen ihr Leben lang einschränken.

Erklärt wird die Vornahme solcher Handlungen mit traditionellen kulturellen Vorstellungen. So werden Frauen, die keiner Genitalverstümmelung unterzogen wurden, nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft angesehen und ihre Heiratschancen werden nur als gering eingestuft.

Zudem soll so ihr Sexualtrieb kontrolliert werden, sowie die Gewährleistung der Jungfräulichkeit bis zur Ehe erhalten bleiben. Auch spielt Aberglaube in den Vorstellungen der Täter oftmals eine wichtige Rolle.

Der neue Straftatbestand

Die weibliche Genitalverstümmelung ist seit dem 28.09.2013 ausdrücklich gem. § 226a StGB unter Strafe gestellt. So besagt § 226a StGB:

(1) Wer die äußeren Genitalien einer weiblichen Person verstümmelt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

(2) In minder schweren Fällen ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen.

Geschützte Rechtsgüter sind somit das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, da durch solch schwerwiegende Eingriffe stark in die Sexualität der Betroffenen eingegriffen wird.

Problematisch ist, dass § 226a StGB nur für inländische Taten greift (§ 3 StGB i.V.m. § 9 StGB). Da die Beschneidung aber meist im Ausland geschieht (etwa während einer Ferienreise) und § 7 StGB meist nicht greifen wird (da entweder die Eltern keine Deutschen sind oder die Tat am Tatort nicht mit Strafe bedroht ist), ist der tatsächliche Wirkungsbereich des § 226a StGB nur sehr gering.

Gem. § 226a, 78 Abs. 3 Nr. 2 StGB verjährt die Tat nach 20 Jahren. Gem. § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB beginnt die Verjährung auch erst ab dem 21. Lebensjahr zu laufen. Dies ist ein positiver Faktor, da die Genitalverstümmelung zumeist nur nach Anzeige durch die Betroffenen geahndet werden kann.

Rechtfertigung

Als Rechtfertigungsgrund kommt eine Einwilligung in Betracht, welche bei Minderjährigen gegebenenfalls auch durch die Eltern als gesetzliche Vertreter erfolgen kann. Bei der weiblichen Genitalverstümmelung können sich die Eltern jedoch nicht auf ihr elterliches Erziehungsrecht stützen und bei nicht einwilligungsfähigen Mädchen für diese einwilligen. Dies ist unabhängig von der Schwere des Eingriffs der Fall.

Dies steht allerdings in direktem Wertungswiderspruch zu der Beschneidung von Jungen, welche ebenso eine Genitalverstümmelung darstellt, wie etwa die Entfernung der Klitorisvorhaut bei Mädchen. Diese einfache Form der Genitalverstümmelung ist bei Mädchen nach § 226a StGB nunmehr unter Strafe gestellt und nicht zu rechtfertigen.

Dass die Beschneidung an Jungen gem. § 1631d BGB, welcher am 28.12.2012 in kraft trat, gerade erlaubt ist, stellt somit einen Wertungswiderspruch dar, welcher bisher nicht geklärt werden konnte.

Notwendigkeit eines eigenen Straftatbestandes

Es stellt sich zudem die Frage, ob es nötig war, einen eigenen Straftatbestand für die Verstümmelung weiblicher Genitalien zu schaffen, da dies bereits vorher nach §§ 223 ff. StGB strafbar war.

So war etwa nicht nur § 223 Abs. 1 StGB erfüllt, sondern meist auch die qualifizierenden Merkmale nach § 224 Abs. 1 Nr. 2, 4 und 5 StGB. § 226 StGB wird hingegen nur selten erfüllt sein. Daher war die Strafbarkeit vor Inkrafttreten des § 226a StGB beschränkt auf reine Vergehen. Nunmehr ist die Tathandlung der weiblichen Genitalverstümmelung als Verbrechen strafbar.

In Anbetracht der Tatsache, dass § 226 StGB nicht einschlägig für die meisten Fälle der Genitalverstümmelung war, der Unwert der Tat allerdings auf etwa gleicher Ebene anzusiedeln ist, könnte von einer Strafbarkeitslücke ausgegangen werden.

Ebenso wie bei dem neuen Straftatbestand der Zwangsheirat nach § 237 StGB ist größter Zweck der Normierung wohl die Signalwirkung, welche durch ein konkretes Feststellen der Strafbarkeit ausgeht.

Kritik an § 226a StGB wird vor allem deswegen geäußert, da es meist wegen Auslandsbezugs an der Anwendbarkeit der Norm mangele. Praktisch wurden schon vorher keine Strafverfahren wegen Genitalverstümmelung geführt, sodass es sich um eine bloße Signalnorm handelt.

Selbst dies erreiche sie jedoch nur ungenügend, da die Täter meist keine Kenntnis der Strafbarkeit haben oder sie die Strafbarkeit aufgrund ihrer Kultur nicht abschreckt, welche ihnen die Verstümmelung erlaubt.

Im Ergebnis wird die praktische Anwendbarkeit von § 226a StGB eher gering ausfallen. Ob in Zukunft eine deutliche Signalwirkung von ihm ausgeht, bleibt abzuwarten. Zudem wäre eine Abänderung unter Berücksichtigung des Gleichheitsgebotes aus Art. 3 Abs. S. 1 Alt. 1 GG begrüßenswert und grundrechtlich geboten, sodass auch die Verstümmelung von Jungen unter Strafe steht.

Weiterführende Literatur:

  • Antonia Egner: Die neuen Straftatbestände der Genitalverstümmelung und der Zwangsheirat in Freilaw 4/2014 S. 9 ff.
  • Elke Ferner: Der neue Straftatbestand der weiblichen Genital­verstümmelung (§ 226a StGB): Effektivität nur durch Aufnahme in den Katalog der Auslandsstraftaten in RuP 2/2014 S. 74 ff.
  • Georgios Sotiriadis: Der neue Straftatbestand der weiblichen Genitalverstümmelung, § 226a StGB: Wirkungen und Nebenwirkungen in ZIS-Online 7-8/2014 S. 320 ff. abrufbar unter http://www.zis-online.com/dat/artikel/2014_7-8_834.pdf
  • Mark A. Zöller / Diana Thörnich: Die Verstümmelung weiblicher Genitalien (§ 226a StGB) in JA 2014 S. 167 ff.
  • Tonio Walter zur Ungleichbehandlung von Mädchen und Jungen in Zeit-Online abrufbar unter http://www.zeit.de/2013/28/genitalverstuemmelung-gesetz-frauen

 




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