Die Prokura (§ 48 HGB) ist eine umfassende, durch einen Kaufmann erteilte, Vertretungsmacht. Sie soll, wie auch die Handlungsvollmacht (§ 54 HGB), im Handelsverkehr mit Dritten für Rechtssicherheit sorgen. Die Handlungsvollmacht ist die begrenztere Form der handelsrechtlichen Vertretungsmacht. Im Examen sind Kenntnisse im wichtigen Nebengebiet des Handelsrechts unabdingbar. 
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I. Prokura, §§ 48 ff. HGB

Definition: Die Prokura ist eine umfassende, durch einen Kaufmann erteilte, Vertretungsmacht.

Sie ist die im Handelsverkehr übliche Vollmacht. Der Prokura sind besondere Voraussetzungen und Eigenschaften zuzuordnen, die sie von der Stellvertretung im BGB unterscheidet.

Sinn der Prokura ist eine sichere Form der Stellvertretung, um den Schutz des Rechtsverkehrs zu gewährleisten.


Prokura ( §§ 48 ff. HGB) und Handlungsvollmacht (§§ 54 f. HGB)

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1. Die Erteilung der Prokura, § 48 Abs. 1 HGB

Die Prokura kann nur von dem Inhaber des Handelsgeschäfts oder seinem gesetzlichen Vertreter und nur mittels ausdrücklicher Erklärung erteilt werden.

Ausschließlich der Inhaber des Handelsgeschäfts, d.h. Kaufmann, oder sein gesetzlicher Vertreter kann Prokura erteilen. Solche Vertreter sind persönlich haftende Gesellschafter einer OHG oder Kommanditgesellschaft, der Vorstand einer AG oder der Geschäftsführer einer GmbH.

Prokuristen können dabei ausschließlich natürliche Personen sein.

Die Erteilung selbst muss durch eine ausdrückliche, aber nicht zwingend schriftliche Erklärung erfolgen (§ 48 Abs. 1 HGB). Dementsprechend gibt es keine Prokuravollmacht durch Duldung. Eine Prokura kann jedoch in eine Handlungsvollmacht gem. § 54 Abs. 1 HGB umgedeutet (§ 140 BGB) werden, für welche wiederum eine Duldungsvollmacht möglich ist.

Gemäß § 48 Abs. 2 HGB kann die Erteilung der Prokura auch an mehrere Personen gleichzeitig erfolgen.

Die Erteilung kann an mehrere Personen gemeinschaftlich erfolgen (Gesamtprokura).

Hierdurch wird das hohe Risiko des Geschäftsinhabers bei einer Prokuraerteilung verringert.


Prokura ( §§ 48 ff. HGB) und Handlungsvollmacht (§§ 54 f. HGB)

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2. Die Wirkung der Eintragung der Prokura

Nach § 53 Abs. 1 HGB soll die Prokura im Handelsregister angemeldet werden. Diese Anmeldung hat jedoch nur rein deklaratorische Bedeutung – sie ist also keine Wirksamkeitsvoraussetzung, der Prokurist kann auch schon vor der Eintragung den Kaufmann vertreten. Die Eintragung selbst ist so nur der Hinweis auf eine bereits vorliegende Prokura.

Im Klausuraufbau ist die Prokura bei der Stellvertretung gem. § 164 Abs. 1 BGB im Rahmen der Vertretungsmacht zu prüfen.

3. Prüfungsschema: Wirksame Erteilung der Prokura

  1.  Erteilung einer Vollmacht zum Betrieb eines Handelsgewerbe
    1. Ausdrücklich
    2. Persönlich
      • durch den Inhaber eines kaufmännischen Handelsgeschäfts
      • oder dessen gesetzlichen Vertreter

2.  Durch Erklärung gegenüber dem Prokuristen

Der Prokurist ist natürliche Person, zumindest beschränkt geschäftsfähig und personenverschieden vom Prinzipal bzw. dessen Geschäftsführer oder Vorstand (bei jur. Personen)

4. Der Umfang der Prokura

Um den Rechtsverkehr zu schützen, ist der Umfang der Prokura grundsätzlich durch das Gesetz (§ 49 Abs. 1 HGB) zwingend bestimmt und auch nicht gegenüber Dritten einschränkbar (§ 50 Abs. 1 HGB).

Durch § 49 Abs. 1 HGB ermächtigt die Prokura zur Vornahme aller Geschäfte, die der Betrieb irgendeines Handelsgewerbes mit sich bringt. Es besteht keine Beschränkung wie bei der Handlungsvollmacht auf branchenübliche Geschäfte – der Umfang der Prokura ist im Außenverhältnis grundsätzlich unbeschränkt.

Beispiel: So kann der Prokurist des Inhabers einer Bäckerei ebenso Schmuck kaufen und handelt hierbei mit einer Vertretungsmacht, denn der Betrieb irgendeines Handelsgeschäfts – hier im Juweliergewerbe – bringt dies mit sich.

a. Einschränkungen nach § 49 Abs. 1 HGB

Nicht zum Betrieb eines Handelsgewerbes gehören:

  • Inhabergeschäfte, d. h. Geschäfte, welche dem Inhaber des Handelsgewerbes selbst überlassen sind, beispielsweise die Prokuraerteilung.
  • Grundlagengeschäfte, also Geschäfte welche die Existenz des Unternehmens bzw. dessen Gegenstand betreffen und nicht den Geschäftsablauf

[…] die der Betrieb eines Handelsgewerbes mit sich bringt […]

  • Privatgeschäfte, diese sind schon nicht betriebsbedingt.

b. Grundstücksgeschäfte, § 49 Abs. 2 HBG

Eine weitere wichtige Einschränkung des Umfangs der Prokura enthält auch § 49 Abs. 2 HGB:

[…] (2) Zur Veräußerung und Belastung von Grundstücken ist der Prokurist  nur ermächtigt, wenn ihm diese Befugnis besonders erteilt ist.

Dieses Veräußerungsverbot gilt analog bereits für das zu Grunde liegende Verpflichtungsgeschäft. Dies ist notwendig, sonst könnte der Prokurist den Kaufmann verpflichten, ein Grundstück zu verkaufen und ihn somit zwingen zu erfüllen – § 49 Abs. 2 HGB wäre dann völlig nutzlos.

§ 49 Abs. 2 HGB bezieht sich jedoch nur auf die Veräußerung und Belastung. Zum Erwerb und zur Entlastung von Grundstücken ist der Prokurist hingegen berechtigt. Soll er nun auch Veräußerungs- und Belastungsgeschäfte vornehmen, muss der Inhaber des Handelsgeschäfts dem Prokuristen gem. § 49 Abs. 2 HGB eine besondere Vollmacht darauf bezogen erteilen, die sog. Immobiliarklausel.

c.  Verstöße gegen § 49 HGB

Verstößt der Prokurist gegen die Grenzen aus § 49 Abs. 2 HGB, handelt er als Vertreter ohne Vertretungsmacht. Dann sind die Stellvertretungsregeln des BGB, hier §§ 177 – 179 BGB unmittelbar anwendbar.

Das Abstraktionsprinzip der Stellvertretung gilt auch im HGB, somit sind Beschränkungen des Umfangs der Prokura gegenüber Dritten grundsätzlich unwirksam (§ 50 Abs. 1 HGB). Nur im Innenverhältnis haben sie Bedeutung.

Ausnahmen von diesem Grundsatz bilden die Kollusion, also das missbräuchliche Zusammenwirken des Prokuristen und eines Geschäftsgegners sowie der einseitige Missbrauch: Hier muss der Prokurist vorsätzlich handeln und zum Nachteil des Kaufmanns sowie der Dritte mindestens grob fahrlässig in Unkenntnis des Verhaltens des Prokuristen sein.

5. Grundsatz der freien Widerruflichkeit

Das Erlöschen der Prokura muss im Register eingetragen werden. Gründe für das Erlöschen können sein:


Prokura ( §§ 48 ff. HGB) und Handlungsvollmacht (§§ 54 f. HGB)

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§ 52 Abs. 1 HGB: 

Die Prokura ist ohne Rücksicht auf das der Erteilung zugrunde liegende Rechtsverhältnis jederzeit widerruflich, unbeschadet des Anspruchs auf die vertragsmäßige Vergütung.

Dadurch soll verhindert werden, dass der Kaufmann von der Macht des Prokuristen abhängig werden kann.

Hierbei ist aber folgendes zu beachten: Allein durch den Widerruf der Prokura gemäß § 52 Abs. 1 HGB entfällt nur die Vertretungsmacht im Innenverhältnis. § 53 Abs. 1 HGB verlangt jedoch die Eintragung der Prokura in das Handelsregister, dieses hat eine Publizitätswirkung im Außenverhältnis. Ist das Erlöschen der Prokura noch nicht gemäß § 53 Abs. 2 HGB angemeldet worden, kann es nach § 15 Abs. 1 HGB zu einer Fiktion der Vertretungsmacht im Außenverhältnis zum Schutz des Dritten kommen.

Fehlt also die Anmeldung der Vollmachtserlöschung und liegen die Voraussetzungen des § 15 Abs. 1 HGB vor, wird dem gutgläubigen Dritten ein Wahlrecht zugesprochen: Er kann sich entweder auf die Fiktion des Handelsregisters berufen, dann wird er unmittelbar gegenüber dem Kaufmann berechtigt und verpflichtet, oder auf die tatsächliche Rechtslage, wodurch er den (ehemaligen) Prokuristen gem. § 179 Abs. 1 BGB in Anspruch nimmt.

Wenn die Prokura von einem Gesamtprokuristen widerrufen wird oder das zugrunde liegende Rechtsverhältnis erlischt, tangiert dies nicht die Prokura des anderen Gesamtprokuristen. Diese wird jedoch nicht automatisch zur Einzelprokura, stattdessen ist der übrige Gesamtprokurist nur passiv vertretungsbefugt (Passive Stellvertretung meint den Empfang von Willenserklärungen) bis an einen neuen Prokuristen Gesamtprokura erteilt wurde.

Die Rechtsprechung macht Ausnahmen von der gesetzlich sehr freien Möglichkeit des Widerrufs der Prokura. Nach §§ 117, 127 HGB analog muss es einen wichtigen Grund für den Widerruf der Prokura geben, wenn sie einem stillen Gesellschafter wegen des Gesellschaftsvertrags erteilt wird.

a. Der Anspruch auf Vergütung, § 52 Abs. 1 HGB

Für den Anspruch des Prokuristen auf Vergütung ändert sich durch den Widerruf der Prokura grundsätzlich nichts (§ 52 Abs. 1 HGB). Die Prokura ist in Bezug auf Erteilung und Widerruf absolut abstrakt vom zugrunde liegenden Rechtsverhältnis (in der Regel ein Dienstvertrag).

Es existiert jedoch eine wichtige Ausnahme: Gemäß § 168 I BGB erlischt die Prokura mit dem ihr zugrunde liegenden Rechtsverhältnis.

Ein solcher Erlöschensgrund kann z.B. die Kündigung sein. Auch wenn diese nicht ausdrücklich erteilt wurde, kann der Widerruf einer Prokura gleichzeitig auch eine fristlose Kündigung beinhalten. Nicht jeder Widerruf ist jedoch ein „wichtiger Kündigungsgrund“ gem. § 626 Abs. 1 BGB, der Grund für den Widerruf der Prokura muss also gleichzeitig einer der wichtigen Gründe des § 626 Abs. 1 BGB sein. Wenn jeder Prokura-Widerruf ausreichen würde, liefe § 52 Abs. 1 HGB leer, denn der Anspruch auf Vergütung entfiele immer ohnehin durch die Kündigung.

b. Drei Fakten zum Widerruf der Prokura

1. Grundsätzlich ist die Prokura gem. § 52 Abs. 1 HGB frei widerruflich, im Normalfall wirkt sich dies nicht auf das zugrunde liegende schuldrechtliche Verhältnis (in der Regel Dienstvertrag) aus.

2. Regel: Gemäß § 52 Abs. 1 HGB a.E. verliert der Prokurist nicht seinen Anspruch auf Vergütung.

3. Ausnahme: Der Widerruf der Prokura kann gleichzeitig ein wichtiger Grund im Sinne des § 626 Abs, 1 BGB sein, wonach der Vergütungsanspruch in diesem Fall entfiele.

II. Handlungsvollmacht § 54 Abs. 1 HGB

Die Handlungsvollmacht gem. § 54 Abs. 1 HGB kann durch den Kaufmann (sowie Minderkaufman) und – im Gegensatz zur Prokura – durch jeden Vertreter erteilt werden, sogar stillschweigend und durch Duldung.

Bevollmächtigt werden können in den Betrieb eingegliederte natürliche und juristische Personen.

Es gibt verschiedene Arten der Handlungsvollmacht:


Prokura ( §§ 48 ff. HGB) und Handlungsvollmacht (§§ 54 f. HGB)

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Merke: Eine unwirksam erteilte Prokura kann zu einer Handlungsvollmacht umgedeutet werden.

1. Umfang der Handlungsvollmacht

Die Handlungsvollmacht bezieht sich nur auf solche Geschäfte, welche dieses Handelsgewerbe gewöhnlich mit sich bringt. Ausgeschlossen sind damit Grundstücksgeschäfte (außer der Betrieb des Handelsgewerbe „bringt diese gewöhnlich mit sich“), die Aufnahme von Darlehen, die Prozessvertretung und die Eingehung von Wechselverbindlichkeiten.

Eine weitergehende Beschränkung des Umfangs der Handlungsvollmacht durch den Bevollmächtigenden ist möglich. Der Dritte muss sie jedoch nur gegen sich gelten lassen wenn er sie kannte oder kennen musste (§ 54 Abs. 3 HGB). Dadurch können Geschäftspartner grundsätzlich davon ausgehen, dass der Handelsvertreter Vertretungsmacht im gesetzlichen Umfang besitzt. Dies ist besonders für die Rechtssicherheit wichtig, weil die Handlungsvollmacht nicht eintragungsfähig ist und somit der konkrete umfang der Handlungsvollmacht für den Dritten im Außenverhältnis nicht ersichtlich ist. Nur bei Vornahme der Ausnahmen im Sinne des § 54 Abs. 2 HGB muss sich der Geschäftspartner die erweiterte Vollmacht nachweisen lassen.

2. Erlöschen der Handlungsvollmacht

Bezüglich des Erlöschens der Handlungsvollmacht gelten die allgemeinen Regeln, da keine speziellen Vorschriften bestehen. Insbesondere erlischt die Vollmacht bei:


Prokura ( §§ 48 ff. HGB) und Handlungsvollmacht (§§ 54 f. HGB)

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3. Prüfungsschema: Handlungsvollmacht

1. Wirksame Erteilung der Handlungsvollmacht, § 54 HGB:

  1.  Erteilung einer Vollmacht, deren Gegenstand Geschäfte im Rahmen ihres Handelsgewerbes sind und die keine Prokura darstellt
    • Ausdrücklich oder konkludent
    • Durch einen Kaufmann
    • persönlich oder durch einen Bevollmächtigten
  2. Auf jede nach § 167, 171 BGB zulässige Weise
  3. Auch Duldungs- oder Anscheinsvollmacht
  4. Auch Umdeutung nichtiger Prokura

2. Kein Erlöschen (nach den Regeln der §§ 168 ff. BGB)

3. Handeln im Rahmen der Vertretungsmacht

  1. Im Rahmen des vom Vollmachtgeber bestimmten Umfangs
  2. Ansonsten im Rahmen der gesetzlichen Vermutung eines Mindestumfangs gem. § 54 HGB
    • Geschäfte, die das Handelsgeschäft üblicherweise mit sich bringt
    • kein Geschäft gem. § 54 Abs. 2 HGB, außer: besondere Vollmacht

4. Rechtsfolgen:

  •  Bei Überschreitung einer inhaltlich beschränkten Handlungsvollmacht: Schutz des guten Glaubens an den Mindestumfang gem. § 54 Abs. 1 HGB durch § 54 Abs. 3 HGB
  • Bei Überschreitung des Bereichs der gesetzlichen Vermutung: kein Anspruch eines Dritten gegen den Kaufmann
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2 Gedanken zu „Prokura ( §§ 48 ff. HGB) und Handlungsvollmacht (§§ 54 f. HGB)

  • Charlyn Meinhardt

    Hier ist ein Fehler enthalten. Das Erlöschen der Prokura richtet sich nach §53 Abs. 2 HGB nicht §53 Abs. 3 HGB.

    1. Anna Hellriegel

      Hallo Charlyn,
      danke für den Hinweis! Da hat sich wohl ein Tippfehler eingeschlichen, der jetzt korrigiert ist 🙂
      Viele Grüße
      Das Lecturio Jura-Team