Es wird nicht nur derjenige bestraft, der tatsächlich den Tatbestand eines Strafgesetzes verwirklicht: In vielen Fällen genügt es bereits, wenn derjenige versucht hat, einen gesetzlichen Straftatbestand zu erfüllen. Auch in diesen Fällen verlangt die Rechtsordnung eine Bestrafung.
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hier formt eine Frau mit den Händen eine Pistole

Bild: “Aiming at you” vonHåkan Dahlström. Lizenz: CC BY 2.0


Was kennzeichnet einen Versuch?

Der Versuch ist geregelt in § 22 StGB. Dort heißt es:

Eine Straftat versucht, wer nach seiner Vorstellung von der Tat zur Verwirklichung des Tatbestandes unmittelbar ansetzt.

Für den Versuch eines Delikts ist also ein Tatentschluss und ein unmittelbares Ansetzen nötig. Möglich ist der Versuch nur bei Verbrechen (§ 23 Abs. 1 Alt. 1 i.V.m. § 12 Abs. 1 StGB) und bei Vergehen, wenn dies ausdrücklich bestimmt ist (§ 23 Abs. 1 Alt. 2 StGB).

So prüfen Sie einen Versuch

Es bietet sich folgendes Prüfungsschema an (nach Kindhäuser, § 30 Rn. 4):

I. Vorprüfung
1. Keine Vollendung
2. Strafbarkeit des Versuchs (§ 23 Abs. 1 StGB)
II. Tatbestand (§ 22 StGB)
1. Tatentschluss hinsichtlich aller Tatbestandsmerkmale
2. Unmittelbares Ansetzen zur Tatbestandsverwirklichung
III. Rechtswidrigkeit
IV. Schuld
V. Ggf. Rücktritt vom Versuch (§ 24 StGB)

Es muss zunächst festgestellt werden, ob der Versuch des einschlägigen Deliktes überhaupt möglich ist und ob keine Vollendung vorliegt, da diese den Versuch ausschließt. Weiterhin benötigt der Täter einen Tatentschluss und muss unmittelbar zur Tatbestandsverwirklichung ansetzen.

Eine Deliktsbegehung lässt sich in zeitlicher Hinsicht in mehrere Stadien aufteilen. Dabei muss darauf geachtet werden, in welchem Deliktsstadium ein Versuch möglich ist. Die Phasen stellen sich wie folgt dar (nach Kindhäuser, § 31, Rn. 1):

  • Die Planungsphase, in welcher der Täter sich eine Vorstellung von der Tat bildet, ist straflos.
  • In der Vorbereitungsphase ergreift der Täter die zur Tatausführung erforderlichen Maßnahmen. Dies ist grundsätzlich straflos. Dennoch gibt es Delikte, welche bereits die Vorbereitung unter Strafe stellen.
  • Im Versuchsstadium setzt der Täter nach seiner Vorstellung von der Tat unmittelbar zu deren Verwirklichung an. In diesen Zeitraum fällt die Strafbarkeit des Versuchs.
  • Mit der objektiven Verwirklichung des Tatbestandes ist das Delikt vollendet.
  • Zuletzt ist die Tat beendet, wenn das Unrecht abgeschlossen ist.

Voraussetzungen für den Versuch sind somit

  • ein unbedingter Tatentschluss,
  • ein unmittelbares Ansetzen zur Tatbestandsverwirklichung,
  • und keine objektive Vollendung des Delikts.

Tatentschluss eines Versuchs

Der Tatentschluss ist der auf die Tatbestandsverwirklichung bezogene Vorsatz einschließlich sonstiger subjektiver Tatbestandsmerkmale. Praktisch ist der Tatentschluss somit gleichzusetzen mit dem Vorsatz bei Vollendungsdelikten und etwaiger zusätzlicher subjektiver Anforderungen. Zu den sonstigen subjektiven Erfordernissen gehört etwa die Bereicherungsabsicht in § 263 StGB. [Wessels/Beulke/Satzger, § 14 Rn. 598]

Dieser Tatentschluss muss allerdings unbedingt sein. Dabei ist es unerheblich, ob die Entscheidung zur Tat auf unsicheren Tatsachengrundlagen getroffen ist. Sollte also der Täter das Opfer nur töten wollen, wenn dieses eine bestimmte Handlung vornimmt, ist dennoch ein unbedingter Tatentschluss gegeben. [Kindhäuser, § 31, Rn. 6 f.]

Für den Tatentschluss genügt dolus eventualis, sofern dieser für das Vollendungsdelikt ausreicht.[Wessels/Beulke/Satzger, § 14 Rn. 598]

Unmittelbares Ansetzen eines Versuchs

Das unmittelbare Ansetzen ergibt sich aus einem Zusammenspiel von objektiven und subjektiven Komponenten. Dafür ist zunächst die Tatsituation aus Sicht des Täters zu bestimmen. In einem zweiten Schritt ist objektiv zu bestimmen, ob nach dieser subjektiven Sicht ein unmittelbares Ansetzen gegeben ist. [Kindhäuser, § 31, Rn. 10 ff.]

Sämtliche Handlungen, welche später die Tat ermöglichen oder erleichtern sollen, fallen in das Vorbereitungs- und nicht das Versuchsstadium, da der Täter nach seiner Vorstellung noch nicht unmittelbar angesetzt hat. [Kindhäuser, § 31, Rn. 12]

Allerdings kommt es häufig zu Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen Vorbereitungs- und Versuchshandlungen. Verschiedene Lehren versuchen diese Abgrenzung auf verschiedene Art und Weise aufzuklären.

Nach der sog. Sphärentheorie liegt unmittelbares Ansetzen vor, wenn der Täter in die Schutzsphäre des Opfers eingedrungen ist und zwischen Tathandlung und angestrebtem Erfolgseintritt ein enger zeitlicher Zusammenhang besteht. Diese Theorie eignet sich allerdings kaum für Taten an neutralen Orten und Delikte gegen die Allgemeinheit. [Kindhäuser, § 31, Rn. 14]

Die Theorie der Feuerprobe besagt, dass unmittelbares Ansetzen vorliegt, wenn der Täter subjektiv die Schwelle zum „Jetzt-geht’s-los“ überschritten hat. Diese Theorie stellt allerdings zu stark auf die subjektive Komponente ab. [Kindhäuser, § 31, Rn. 15]

Andere vertreten die Auffassung, dass auf den äußeren Sinn des Täterverhaltens abzustellen sei. Danach liegt unmittelbares Ansetzen vor, wenn äußere Umstände den Beginn der Tatbestandsverwirklichung indizieren. Dieser Ansatz verkennt jedoch den subjektiven Einschlag des Versuchsbeginns. [Kindhäuser, § 31, Rn. 16]

Die materielle Gefährdungstheorie besagt, dass ein Versuch erst vorliegen kann, wenn eine konkrete Gefährdung des Rechtsgutes gegeben ist. Auch diese Theorie passt nicht zu jeder Konstellation und ist zudem sehr vage. [Frister, § 23. Kapitel Rn. 38]

Nach der sog. Zwischenaktstheorie liegt der Versuch vor, wenn nach dem Tatplan des Täters zwischen seinem Verhalten und der Tatbestandsverwirklichung keine weiteren wesentlichen Zwischenakte liegen, so dass sich das Verhalten für einen Beobachter als Einheit darstellt. [Frister, § 23. Kapitel Rn. 38]

Rspr. und h.L. vertreten einen Kombinationsansatz. Danach muss der Täter subjektiv die Schwelle zum „Jetzt-geht’s-los“ überschritten haben und objektiv zur tatbestandsmäßigen Handlung angesetzt haben. Diese Handlung muss bei ungestörtem Fortgang unmittelbar zur Tatbestandsverwirklichung führen oder in engem räumlichen und zeitlichen Zusammenhang stehen. [Wessels/Beulke/Satzger, § 14 Rn. 601]

Besondere Formen des Versuchs

Es existieren zudem einige Besonderheiten, welche bei der Prüfung des Versuchs zu beachten sind.

Tauglicher und untauglicher Versuch

Beim tauglichen Versuch erscheint die Tathandlung aus Perspektive eines Beobachters als zur Tatbestandsverwirklichung geeignet. Ein Beispiel ist das versehentliche Vorbeischießen am Ziel. [Kindhäuser, § 30 Rn. 11 f.]

Untauglich ist der Versuch, wenn die Handlung aus Sicht eines Beobachters nicht geeignet erscheint, den Erfolg herbeizuführen. Dabei kann das Tatobjekt untauglich sein (das Opfer eines Schusses ist tatsächlich schon tot) oder das Mittel kann untauglich sein (die Pistole ist tatsächlich eine Wasserpistole). [Wessels/Beulke/Satzger, § 14 Rn. 619 f.]

An der Prüfung des Versuchs ändert diese Unterscheidung nichts. Allerdings kann gem. § 23 Abs. 3 BGB die Strafe gemindert oder von dieser abgesehen werden.

Zu unterscheiden vom untauglichen Versuch ist der abergläubische Versuch. Wenn jemand einen anderen mit Zaubern töten will, ist dies nicht strafbar, auch nicht als Versuch. [Frister, § 23. Kapitel Rn. 22]

Versuch beim erfolgsqualifizierten Delikt

Zu unterscheiden ist hierbei zwischen dem Versuch der Erfolgsqualifikation und dem erfolgsqualifizierten Versuch.

Der Versuch der Erfolgsqualifikation liegt vor, wenn der Täter auch hinsichtlich der schweren Folge vorsätzlich handelt (vgl. § 11 Abs. 2 StGB), die schwere Folge allerdings nicht eintritt. Der Täter wird wegen Versuchs der Erfolgsqualifikation bestraft. [Kindhäuser, § 30 Rn. 18]

Beim erfolgsqualifizierten Versuch führt der Täter die schwere Folge nur fahrlässig herbei (vgl. § 18 StGB). Auch hier wird er wegen des Versuchs der Erfolgsqualifikation bestraft. Dies ist allerdings nicht der Fall, wenn die schwere Folge gerade aus dem Erfolg des Grunddelikts resultiert – wie etwa bei § 227 StGB. [Wessels/Beulke/Satzger, § 14 Rn. 617]

Fahrlässiger Versuch

Eine Versuchsstrafbarkeit bei Fahrlässigkeitsdelikten ist nicht möglich. Für den Versuch kommt es entscheidend auf die subjektive Vorstellung des Täters an. [Kindhäuser, § 30 Rn. 20]

Wahndelikt

Vom Versuch abzugrenzen ist das sog. straflose Wahndelikt. Beim Versuch geht der Täter davon aus, dass er strafbares Verhalten zeigt, wenn es realisiert wäre. Beim Wahndelikt hingegen glaubt der Täter, dass sein tatsächlich erlaubtes Verhalten strafbar sei, obwohl es einen solchen Straftatbestand nicht gibt oder die Grenzen eines bestehenden Straftatbestandes verkannt werden. [Wessels/Beulke/Satzger, § 14 Rn. 621 f.]

Es handelt sich in diesen Fällen um einen Irrtum des „Täters“. Der klassische Fall ist die Vorstellung, dass Ehebruch strafbar sei. [Kindhäuser, § 30 Rn. 24]

Die Abgrenzung zwischen Versuch und Wahndelikt ist nicht immer leicht. Die restriktive Lehre nimmt ein Wahndelikt an, wenn der Täter aufgrund falscher rechtlicher Schlüsse den Anwendungsbereich der Norm ausweitet. Die h.M. folgt dem sog. Umkehrprinzip, wonach jeder Irrtum des Täters, welcher ihn nach § 16 Abs. 1 S. 1 StGB entlastet, im umgekehrten Fall belastet. [Kindhäuser, § 30 Rn. 26 ff.]

Quellen

Frister, Helmut: Strafrecht Allgemeiner Teil, 6. Auflage 2013.

Kindhäuser, Urs: Strafrecht Allgemeiner Teil, 6. Auflage 2013.

Wessels, Johannes / Beulke, Werner / Satzger, Helmut: Strafrecht Allgemeiner Teil, 44. Auflage 2014.



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