Immer wieder ist von Entführungen, Kidnapping oder Geiselnahmen zu hören oder zu lesen. Um die eigenen Forderungen durchzusetzen, schrecken die Täter nicht vor Gewalt gegenüber anderen Menschen zurück. Ihre Opfer sind ihnen ausgeliefert, doch anstatt vor ihren Peinigern Angst zu haben, entwickeln Geiseln in manchen Situationen Zuneigung zu den Tätern. Wir erklären Ihnen, wie und warum das sogenannte Stockholm-Syndrom Opfer zu Verschworenen macht.
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Bild: “ Stockholm” von edward stojakovic. Lizenz: CC BY 2.0


Ursprung der Bezeichnung „Stockholm-Syndrom“

Im Jahr 1973 betrat Jan Erik „Janne“ Olsson, ein Gefangener auf Freigang, mit einer Maschinenpistole bewaffnet die Kreditbank am Norrmalmstorg im Stadtzentrum von Stockholm. Er schoss in die Decke und sagte auf Englisch „The party has just begun“.

Nach einem Schusswechsel mit der Polizei nahm Olsen vier Personen als Geiseln und forderte, dass der in ganz Schweden bekannte Verbrecher Clark Olofsson aus dem Gefängnis zu ihm gebracht werden sollte. Er forderte außerdem drei Millionen Kronen, schusssichere Westen, Helme, zwei Waffen und ein Fluchtfahrzeug.

Die „Party“ zog sich über 131 Stunden, bis die Polizei ein Loch in die Decke bohrte und Gas in die Bank einleitete. Dies beendete die Geiselnahme und niemand kam zu Schaden.

Die Stockholm-Entführung erhielt großes mediales Interesse. Dabei konnten die Gefühlslagen der Geiseln erfragt werden. Zur Überraschung vieler Menschen wurde erkennbar, dass die Geiseln positive Gefühle zu ihrem Geiselnehmer entwickelten. Anstelle von Angst empfanden sie beispielsweise Dankbarkeit, statt Abscheu Zuneigung und anstelle von Ablehnung Fürsorge. Dass zumindest einige Geiseln eine positive Bindung an den Geiselnehmer aufgebaut hatten, äußerte sich auch darin dass sie ihn nach seiner Festnahme im Gefängnis besuchten.

Nicht nur Psychologen fragten sich: Wie kann das sein? Wie kann ein Mensch Sympathie für jemanden empfinden, der ihn als lebenden Schutzschild missbraucht und gedroht hat, ihn zu ermorden?

Der Psychiater Nils Bejerot, der an der Aufarbeitung des Falls beteiligt war, prägte den Begriff „Stockholm-Syndrom“; er bezeichnete damit eine Überlebensstrategie von Geiseln.

Erklärungen des Stockholm-Syndroms

Die Begründungen für das Einsetzen des Stockholm-Syndroms sind sehr vielseitig. Es gibt aber drei entscheidende Grundmuster, die sich bei diesen Verhaltensweisen und Gefühlsregungen immer wieder zeigen:

1. Nachvollziehbare Forderungen des Täters

Die Opfer sehen das Verlangen des Täters als berechtigt oder zumindest als erfüllbar an. Für die Opfer ist nicht nachvollziehbar, warum man den Forderungen nicht nachkommt. Durch die nervenaufreibende Wartezeit bleiben sie länger in der Gewalt des Geiselnehmers. In dieser Zeit bekommt der Täter auf einmal ein anderes Gesicht, denn als Übeltäter werden nun die Einsatzkräfte angesehen, die versuchen, die Situation gewaltfrei zu lösen.

2. Die Opferrolle des Täters

Der Täter kann den Opfern vermitteln, er beabsichtige nicht, Gewalt gegen sie anzuwenden. Er zeigt sich eher fürsorglich und um seine Geiseln bemüht. Da die Geiseln für den Täter als Pfand und als Druckmittel wertvoll sind, kehrt sich die Situation für die Geiseln um.

In dieser Lage haben sie erneut das Gefühl, dass der Täter seine Aggression nicht gegen sie richtet, sofern die Umstände es nicht zulassen, anders zu handeln. Dafür geht er mit ihnen auch sehr aufmerksam um. Die Opfer empfinden den Täter dadurch als wohlwollend und ihn selbst als Opfer der Behörden, Ordnungskräfte, Regierung o.ä.

3. Die Unterordnung als Schutzmechanismus

Da die Opfer in dieser beängstigenden Situation dem Täter ausgeliefert sind, versuchen sie, durch Sympathiebekundungen ihr Verständnis gegenüber dem Geiselnehmer mitzuteilen. Es bildet sich eine Allianz zwischen Täter und Opfer. Der Täter kann somit den Eindruck bekommen, dass das Opfer auf seiner Seite steht. Die Geiselnahme gerät hiermit zu einer vermeintlichen „Inszenierung“ oder einer „schicksalshaften Fügung“. Das Opfer versucht, sich mit seiner Zuneigung zum Täter aus der bedrohlichen Situation zu befreien.

Kein Einzelfall – das Stockholm-Syndrom trat auch bei anderen Geiseldramen auf

Auch bei weiteren Geiseldramen berichteten Geiseln von Sympathiebekundungen zu ihren Geiselnehmern während und nach der Geiselnahme:

In Gladbeck ereignete sich 1988 das bisher spektakulärste Geiseldrama in der Geschichte der Bundesrepublik auf deutschem Boden. Nach einem Bankraub kaperten in Gladbeck die Geiselnehmer Degowski und Rösner einen Linienbus mit seinen Insassen.

Die Verfolgungsaktion geschah unter großem Medienrummel, der teils bizarre Züge annahm. So verschaffte sich ein Journalist ein „Live-Interview“ mit den Geiselnehmern, während diese ihre Opfer mit der Pistole bedrohten. Auch hier wurde bei den Opfern das Stockholm-Syndrom erkennbar.

2003 wurden über dreißig Touristen einer algerischen Reisegruppe entführt und als Geiseln genommen. Nach mehreren Wochen konnten sie in Folge eines stundenlangen Schusswechsels aus der Hand der Täter befreit werden. Dennoch sagte die überwiegende Zahl der Geiseln im Nachhinein, sie hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Kidnappern gehabt. „Je länger wir mit ihnen zusammen waren, desto mehr vertrauten wir ihnen auch.“



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2 Gedanken zu „Drei Erklärungen für das Stockholm-Syndrom

  • Thomas von breitenbach

    wir verhält sich die situation, wenn der geiselnehmer eine gesichtsmaske trägt?

    1. Leonie Wern

      Eine Geiselnahme bedeutet eine schwere physische und psychische Ausnahmesituation für das Opfer. Geisel und Geiselnehmer werden durch die extreme Situation und die damit verbundenen außergewöhnlichen emotionalen Belastungen ungewollt/ unbewusst zusammengeschweißt. So kann es passieren, dass Geiseln ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen und Sympathie und Verständnis für deren Sache entwickeln, kooperieren oder diese gar gegenüber Polizei und Sicherheitskräften zu schützen versuchen. Die Unterordnung als Schutzmechanismus, das Ansehen des Täters als Opfer und das Empfinden einer nachvollziehbaren Forderungen haben dabei nichts mit einer ausdrücklichen visuellen Identifikation zutun, welche jedoch natürlich ein Stück weit immer dazu beitragen wird.