In den vergangenen Jahren ist der Begriff der Sabbaticals auch hierzulande immer wieder ein Thema in den Medien. Für immer mehr Führungskräfte ist es eine willkommene Möglichkeit, einerseits persönlich zu wachsen, andererseits die Richtung zu überdenken und festzulegen, wohin die eigene Karriere gehen soll. Wir stellen die Vorteile für Unternehmen, die ihren Mitarbeitern diese Möglichkeit bieten, vor.
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das ist eine wandergruppe

Bild: “Hiking 3” von Hugo Chisholm. Lizenz: CC BY-SA 2.0


Aus Personaler-Sicht ist die Herstellung einer ausgewogenen Work-Life-Balance in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus gerückt. In einer Studie von 2013 gaben 60 % der befragten Studierenden an, dass die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie eine weit höhere Priorität hat als Erfolg und materieller Reichtum [1].

Eine Befragung von HR-Entscheidern von 2012 ergab entsprechend, dass man sich dessen bewusst ist und ein Drittel der Personalverantwortlichen dort seine zentrale Aufgabe sieht.

Während alternative Arbeitszeitmodelle, wie Teil- und Gleitzeit, mittlerweile branchenübergreifend anzutreffen sind, fristet das sogenannte Sabbatical zumindest im privatwirtschaftlichen Sektor noch ein Nischendasein.

Große Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Zwar träumt mehr als ein Drittel aller Arbeitnehmer und sogar mehr als zwei Drittel in Führungspositionen davon, eine längere Auszeit vom Job zu nehmen, doch nach Schätzungen treten tatsächlich gerade einmal 4 % ein Sabbatjahr an [2]. Dies hängt u.a. damit zusammen, dass bisher weniger als jedes zehnte deutsche Unternehmen seinen Mitarbeitern grundsätzlich diese Möglichkeit anbietet.

Das aus dem US-amerikanischen Raum stammende Modell des modernen Sabbatjahres war ursprünglich für Universitätsprofessoren gedacht, welche sich während dieser Zeit nicht um den Lehrbereich kümmern mussten, sondern sich ganz ihren Forschungen widmen konnten.

In der neueren Lesart ist ein Sabbatical ein langer Sonderurlaub, währenddessen meist ein Teil des Gehalts aufgrund zuvor angehäufter Überstunden ausbezahlt wird und welcher der persönlichen, kulturellen, intellektuellen Entwicklung dienen soll.

Der zeitliche Umfang ist hierbei flexibel und sollte die Bedürfnisse sowohl des Arbeitnehmers als auch des Unternehmens berücksichtigen.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2005 wünscht sich die Mehrheit eine Dauer von mindestens 3 Monaten, mehr als ein Drittel sogar mindestens 6 Monate [3]. Laut Stefan Koop, geschäftsführender Gesellschafter der Personalberatung Delta Management Consultants, sei ein Zeitraum zwischen sechs und zwölf Monaten ideal: „Weniger bringt nichts und mehr bringt einen zu sehr raus.“ [4]

Über die Dauer entscheidet neben dem anvisierten Zweck nicht zuletzt auch die finanzielle Seite. Um während des Sabbaticals weiterhin Gehalt zu beziehen, sind zwei Varianten üblich:

  1. Bei der einen werden Überstunden, Zuschläge sowie sonstige Geldleistungen summiert, in Arbeitszeit umgerechnet und während des Sabbaticals ausbezahlt.
  2. Bei der anderen Variante wird über einen bestimmten Zeitraum – üblich sind drei bis vier Jahre – die vertragliche Arbeitszeit reduziert, während die tatsächlich geleistete Arbeitszeit gleich bleibt, womit sich ebenfalls ein Plus auf dem Zeitkonto ansammelt.

Der Sabbaticalnehmer bleibt auch während seiner Auszeit Teil des Unternehmens, wodurch sich sozialversicherungsrechtlich und auch hinsichtlich der Krankenversicherung keine Änderungen ergeben.

Wie bereits angedeutet, klafft eine große Lücke zwischen der Nachfrage nach einem Sabbatical auf Arbeitnehmerseite und dem entsprechenden Angebot auf Arbeitgeberseite.

Eine Ausnahme bietet hier vor allem der öffentliche Dienst: Vor allem Lehrer und Erzieher profitieren seit nunmehr fast 30 Jahren von bundesweiten Angeboten, welche jedoch nach Umfang und Zielgruppe in den verschiedenen Bundesländern voneinander abweichen.

Aber auch auf privatwirtschaftlicher Seite finden Verbesserungen diesbezüglich statt:

Der Anteil der Unternehmen, die ihren Mitarbeitern diese Art der Freistellung anbieten, stieg von knapp 2,6 % im Jahre 2002 [5] auf rund 16% im Jahre 2013 [6]. Der Wert steigt jedoch mit der Größe des Unternehmens, da vor allem in Kleinbetrieben einzelne Mitarbeiter weniger leicht zu ersetzen sind. Innerhalb der Top-93-Arbeitgeber in Deutschland stieg der Anteil in den letzten zwei Jahren von 44 auf 60 Prozent an.

Die bereits erwähnten vier Prozent der Arbeitnehmer, welche tatsächlich ein Sabbatical in Anspruch nehmen, beziehen sich auf Schätzungen aus dem Jahre 2013.

Dass die Zahl bisher so niedrig ausfällt, begründet sich vor allem darin, dass Sabbaticals eher einen Exotenstatus haben und oft unbekannt sind. Ein anderer Grund ist, dass Produktivität häufig noch mit Anwesenheit und geleisteter Stundenzahl übersetzt wird und eine lange Abwesenheit häufig mit einem Karriereknick assoziiert wird.

6 Vorteile des Sabbaticals für Arbeitgeber und Arbeitnehmer

Häufig wird dieser Zeitraum für ausgiebiges Reisen genutzt, für das Vertiefen von Hobbies und Interessen oder einfach, um Kraft zu tanken für die nächsten Schritte auf der Karriereleiter, Zeit mit der Familie zu verbringen o. ä.

Im ersten Moment mag es für ein Unternehmen wenig lohnenswert erscheinen, kompetente Mitarbeiter oder gar Führungskräfte für einen solch langen Zeitraum zu entbehren. Doch die in den letzten Jahren gestiegene Nachfrage auf Arbeitnehmerseite fordert ein Umdenken auf Seiten der Unternehmen.

Schließlich ergeben sich auf beiden Seiten einige Vorteile:

1. Eine Verbesserung sowohl psychischer als auch physischer Gesundheit. Durch ein Sabbatjahr lassen sich Energiereserven wieder neu aufladen und gegebenenfalls sogar einem Burn-Out entgegenwirken. Die damit verbundene Minderung von Arbeitsbelastungen sorgt dafür, dass Krankheiten und Fehlzeiten insgesamt abnehmen und die Fluktuationsrate gering bleibt.

Dies kommt auch dem Unternehmen zugute, denn „gesunde Mitarbeiter sind leistungsfähiger und haben zudem weniger Fehlzeiten“ [7]. Des Weiteren ist die Rekrutierung und Einarbeitung neuer Mitarbeiter für vakant gewordene Stellen sehr aufwändig und damit teuer.

2. Die im Sabbatical erworbenen Fähigkeiten kommen dem Unternehmen zugute, ohne dass dieses gesondert in Schulungen investieren müsste. Ein Paradebeispiel bieten hier während Auslandsaufenthalten erworbene Fremdsprachenkenntnisse. Des Weiteren eröffnen eben solche neue Sichtweisen und verbessern das kulturelle Verständnis, was einerseits für neue Ideen sorgt und andererseits auch das innerbetriebliche Arbeitsklima verbessern kann.

Mitarbeiter lernen darüber hinaus, ihre persönlichen Ressourcen bewusster einzusetzen und die eigenen Sichtweisen besser zu reflektieren. Gudrun Leonard Marquard, Leiterin einer Entwicklungsgruppe bei SAP, formuliert es so: “Man neigt nach einer Zeit im Job zu einer gewissen Betriebsblindheit. Wenn man nach sechs Monaten im Outback zurückkommt, ist der Blick wieder frei.” [8],[9]

3. Die Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Unternehmen wird enorm verbessert. Durch das Angebot eines Sabbaticals und dem damit verbundenen Interesse am persönlichen Wachstum sowie Glück wird dem Arbeitnehmer das Gefühl vermittelt, gerecht behandelt und wertgeschätzt zu werden. Die Studie “Sabbaticals – Auszeit vom Job” aus dem Jahr 2013 führt viele Beispiele der Dankbarkeit von Sabbaticalnehmern an.

Die Aussicht, trotz längerer Abwesenheit wieder zurückkehren zu können, erzeugt ein Gefühl von Sicherheit und erhöht die Loyalität gegenüber dem Unternehmen. Schließlich möchte sich der Sabbaticalnehmer für die ihm gebotene Chance und das Vertrauen revanchieren. Einerseits bindet ihn diese Erfahrung stärker an das Unternehmen, andererseits erhöht dies unter Umständen sogar die Leistung sowie die Bereitschaft zu Mehrarbeit, aufgrund eines verbesserten sog. Commitments [10].

4. Durch die Stellvertretung und Übernahme der offenen Aufgabenfelder bekommen Nachwuchskräfte im Unternehmen die Chance, zu wachsen und hinsichtlich ihrer Karriere voranzukommen. Damit gewinnt das Unternehmen auch eine gewisse Unabhängigkeit vom Sabbaticalnehmer, um auch im Falle von bspw. Krankheit die Stelle schnell und adäquat füllen zu können.

Die temporäre personelle Veränderung birgt zudem die Möglichkeit „frischen Wind zu bekommen“, d. h. dass die Aufgaben aus einer ganz anderen Perspektive heraus angegangen werden können [11].

5. Das Unternehmensimage verbessert sich. Gerade im Dienstleistungssektor, wo die Mitarbeiter gleichzeitig einen Teil des angebotenen Produkts verkörpern, ist „der Kunde sich des Wertes einer guten Mitarbeiterausbildung wohl bewusst“ [12]. Denn dies erhöht unmittelbar den Wert des Produktes. Die Investition in Zufriedenheit und Bildung der Mitarbeiter stellt damit ein unmittelbares Wettbewerbskriterium dar.

Gleichzeitig verbessert sich auch die Attraktivität bei der Personalrekrutierung. Für viele High-Potentials ist die Möglichkeit, ein Sabbatical zu nehmen, mittlerweile eine Grundvoraussetzung für die Wahl eines Arbeitgebers [13].

6. Gerade bei konjunkturellen Schwankungen stellen Sabbaticals eine gute Möglichkeit dar, die bestehenden Ressourcen adäquat zu verwalten. Überkapazitäten lassen sich abbauen, wenn in Zeiten weniger Aufträge ein Teil der Mitarbeiter temporär – und auf eigenen Wunsch – ausscheidet, um dann bei Bedarf wieder motiviert zur Verfügung zu stehen.

Unter anderem bei der Lufthansa und Siemens werden auf diese Weise betriebsbedingte Kündigungen vermieden und dennoch Personalkosten gespart.

Im skandinavischen Raum werden die entstehenden Lücken zum Teil sogar dafür genutzt, um Langzeitarbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren: Dänemark unterstützt die Auszeit finanziell, indem der Staat eine sechzigprozentige Lohnfortzahlung übernimmt.

Einen gesetzlichen Anspruch auf ein Sabbatical gibt es für Arbeitnehmer im Allgemeinen nicht und damit auch nicht die Möglichkeit, dass sich ein Mitarbeiter dieses einklagt.

Für sehr kleine Unternehmen kann der zeitweise Verlust einer kompetenten Fachkraft oder Führungsperson tatsächlich negative Konsequenzen haben, wenn dieser nicht durch andere Kollegen abgefangen und kompensiert werden kann. Jenseits von Kleinbetrieben sind die Vorteile, die ein solches Sabbatjahr bieten kann, jedoch nicht zu unterschätzen.

Seitens des Personalmanagements muss genau überlegt werden, ob man dieses nicht nur auf Anfrage gewähren, sondern offensiv bewerben und den eigenen Mitarbeitern anbieten sollte – gegebenenfalls auch konjunkturabhängig. Denn das Unternehmen profitiert von deren Entwicklungen und neuen Fähigkeiten, was schließlich einen Wettbewerbsvorteil darstellen kann.

 

Quellen:

[1] Der Generation Y sind Selbstbestimmung
und Familie wichtiger als Karriere und Geld via Agenturohnenamen.de

[2] Sabbatical –
Eine Auszeit von der Krise via wiwo.de

[3] Siemers, B.: Sabbaticals – Optionen der Lebensgestaltung jenseits des Berufsalltags, 2005.

[4] Sabbatical –
Eine Auszeit von der Krise via wiwo.de

[5] Andreas Priebe, Nachhaltige Personalentwicklung in kleinen und mittleren Unternehmen, 2007.

[6] Sabbaticals: Auszeit auf Zeit via meine-viatalität.de

[7] Jessica Korth: Sabbaticals in der Privatwirtschaft, 2002.

[8] Handelsblatt Wochenende, 24.5.2013, Ausstiegauf Zeit via Handelsblatt

[9] Korth 2002, S. 44.

[10] Kerstin Schaaf: Sabbaticals – Auszeit vom Job. Eine empirische Untersuchung über den Nutzen aus Unternehmenssicht, 2013.

[11], [12], [13] Korth 2002.

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