Große Beachtung finden in der Kriminologie nicht nur die persönlichkeits- oder gesellschaftsorientierten Kriminalitätstheorien. Die Mehrfaktorenansätze kommen der wahren Ursache von Kriminalität näher als andere dogmatische Ansätze und sind deshalb sehr verständnis- und prüfungsrelevant. Hier erhalten Sie in einem verständlichen Kontext einen Überblick zu den Mehrfaktorenansätzen:
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Bild: “Crime Scene” von Alan Cleaver. Lizenz: CC BY 2.0


Die Mehrfaktorenansätze haben sich, wie ihr Name schon vermuten lässt, von der Vorstellung verabschiedet, Kriminalität habe nur eine bestimmte Ursache. Anders als die Theorien, die ausschließlich von persönlichen oder gesellschaftlichen Ursachen der Kriminalität ausgehen, sehen die Mehrfaktorenansätze keinen Widerspruch im Zusammenwirken dieser Faktoren. Passend werden sie häufig auch als Theorieintegrationen bezeichnet.

Im Gegensatz zu den klassischen Theorien sind sie aber auch sehr empirisch ausgerichtet. Eine übergeordnete, auch verbindende Theorie können die Ansätze oft nicht vorweisen. Von einigen Teilen der Fachwelt wird den Mehrfaktorenansätzen deshalb die Schaffung unnützer „Datenfriedhöfe“ vorgeworfen.

Von Liszts „Anlage-Umwelt-Formel“

Eigentlich ist der Gedanke, dass eine Kumulation von Gegebenheiten zusammengenommen Kriminalität zur Folge haben kann, nicht neu. Schon der berühmte österreichische Strafrechtslehrer Franz von Liszt ging bei seiner „Anlage-Umwelt-Formel“ davon aus, dass einzelne Einflüsse für sich nicht die genuine Ursache für Kriminalität sein können. Vielmehr sah er ein kumulatives Zusammenwirken zwischen persönlichen und gesellschaftlichen Faktoren als wahrscheinlich an. Dabei ging er aber davon aus, dass die gesellschaftlichen Einflüsse das Gewicht der persönlichkeitsbasierenden Einflüsse überwog. Lange Zeit war von Liszts „Anlage-Umwelt-Formel“ die einzige, die sich in diese mehrfachkausale Richtung entwickelte.

Das Mehr an Faktoren

War von Liszts Formel noch weitgehend darauf gemünzt, dass eine Wechselwirkung zwischen den beiden oben beschriebenen Faktoren bestand, haben sich die Theorien heute weit breiter entwickelt.

Es geht nicht mehr lediglich darum, zwei unterschiedliche, sondern viel umfassender sämtliche Faktoren, die einen Menschen beeinflussen in einen Kontext mit Kriminalität zu setzen. Dies scheint auch naheliegend, spielt sich doch auch die Sozialisation eines Menschen in unterschiedlichsten Umfeldern ab. Letztlich kann es beispielsweise keinen übergreifenden Sinn machen, bei einem delinquenten Jugendlichen lediglich dessen Familienverhältnisse zu beleuchten. Denn ein großer Teil seiner Tageszeit spielt sich in der Schule oder als Heranwachsender in einem Ausbildungsverhältnis ab.

Werden dann Rückschlüsse auf die Verhaltensweisen des Jugendlichen lediglich mit Blick auf sein familiäres Umfeld gezogen, können diese nicht vollständig sein.

Theorie unterschiedlicher Sozialisation und Sozialkontrolle

So verbindet beispielsweise der Kriminologe Günther Kaiser in seiner Theorie der unterschiedlichen Sozialisation und Sozialkontrolle mannigfaltige Einflüsse, die vom sozialen Umfeld eines Jugendlichen auf diesen eindringen, zu einer Gesamtschau. Dies gelingt durch die Verbindung der Kontrolltheorien mit einem allgemeinen Sozialisierungskonzept.

Demnach kann kriminelles Verhalten verkürzt dann entstehen, wenn die Akzeptanz der vorherrschenden gesellschaftlichen Normen im Rahmen der Sozialisation nicht vorgelebt wird. Das „Nicht-Vorleben“ ist nicht gebunden an beispielsweise das unmittelbare familiäre Umfeld, sondern kann auch auf Schulen etc. bezogen sein.

Im Umkehrschluss kann aber auch einer Fehlentwicklung in Familien an Schulen entgegengewirkt werden und umgekehrt.

Die Theorien von Glueck und Glueck

Das amerikanische Forscherehepaar Sheldon und Eleanor Glueck repräsentiert die empirisch ausgerichteten Mehrfaktorenansätze. Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, durch die Beobachtung von 1000 Einzelprobanden Faktoren für delinquentes Verhalten im sozialen Umfeld der Täter herauszufiltern.

Ihre bekannteste Studie wurde unter dem Namen „Unraveling Juvenile Delinquency“ bekannt. Aus Repräsentanzzwecken wurden in zwei Gruppen je 500 männliche delinquente und nicht delinquente Jugendliche ausgewählt. Diese stellen die Bevölkerungsgruppe dar, die am meisten von Kriminalität belastet ist. Dadurch versprach man sich die Erhebung möglichst repräsentativer Daten.

Im Sinne der Methode der „matched pairs“ wurde jedem delinquenten Jugendlichen ein nicht delinquenter Jugendlicher zugeordnet, der im Hinblick auf Alter, Intelligenz, ethnische Herkunft und Wohnviertel dem anderen vergleichbar war. Dadurch sollte der mögliche Einfluss dieser Faktoren weitgehend weitestgehend ausgeschlossen werden.

Sodann wurden mannigfaltige Informationen über die Jugendlichen erhoben. Diese waren neben körperlichen Auffälligkeiten auch Persönlichkeitsmerkmale, Informationen über die frühkindliche Sozialisation der Probanden oder schulische Leistungen und Freizeitverhalten. Allein die Erhebung dieser Informationen dauerte ganze acht Jahre.

Nach Sichtung der Ergebnisse gewannen Glueck/Glueck drei Faktoren, die für kriminelles Verhalten eine Rolle spielten:

  • Die Beaufsichtigung der Jugendlichen durch die Mutter
  • Die Strenge der Erziehung
  • Der Zusammenhalt in den Familien

Göppingers idealtypisch-vergleichende Einzelfallanalyse

Der deutsche Kriminologe Göppinger baute auf den Erkenntnissen von Glueck und Glueck auf. 1973 untersuchte er „den Täter in seinen sozialen Bezügen“.

Dazu verglich er jeweils 200 straffällige und nicht straffällige Jugendliche miteinander. Jeweils herausgefilterte Faktoren unterteilte er dabei in kriminovalente (also Kriminalität fördernde) kriminoresistente (also Kriminalität verhindernde) Faktoren. Als kriminovalente Faktoren stellte er folgende dar:

  • Vernachlässigung des Arbeits- und Leistungsbereichs
  • Fehlendes Verhältnis zu Geld und Eigentum
  • Unstrukturiertes Freizeitverhalten
  • Geringe Belastbarkeit
  • Paradoxe, unrealistische Anpassungserwartung
  • Forderung nach Ungebundenheit

Probleme und Vorteile der Mehrfaktorenansätze

Wie oben bereits angedeutet, werden die Mehrfaktorenansätze auch vielfach kritisiert. Ein Kritikpunkt ist ihre enorme Reichweite, da sie keinerlei Erklärungsansätze ausschließen. Ihre Erklärungskraft ist deswegen aber auch sehr begrenzt, denn es werden sich regelmäßig nur sehr verallgemeinernde Aussagen aus den Ergebnissen ableiten lassen.

Letztlich leiden die Ansätze auch an einer methodischen Schwäche. Faktisch sind sie nämlich empirisch nicht widerlegbar, da die Auswahl der Faktoren nicht theoriegeleitet, beziehungsweise beliebig ist.

Der ganz offensichtliche Vorteil der Mehrfaktorenansätze ist gleichwohl, dass sie Erklärungsansätze für eine Vielzahl von verschiedensten Kriminalitätsformen durch ihre Offenheit bieten können. Daher kommt ihnen in der Praxis eine teilweise größere Relevanz zu als den klassischen Ansätzen.

Vertiefende Literatur:

  • Glueck & Glueck, Unraveling Juvenile Delinquency, 1950.
  • Lamnek, Theorien abweichenden Verhaltens I, S.77 ff.
  • Meier, Kriminologie, Rn. 118 ff.

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