Kriminalität findet nicht nur überall und zu jeder Zeit statt. Man trifft sie auch quer durch alle Altersgruppen an. Vom kleinsten Kind bis zum ältesten Greis, kriminelles Verhalten macht vor’m Alter nicht halt. Warum dem so ist und wie die Verteilung zwischen den Generationen ist, erfahren Sie hier.
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Bild: “rage” von Murplejane. Lizenz: CC BY 2.0


Einteilung der Altersgruppen

Um einen Überblick über die Unterschiede krimineller Verhaltensweisen in verschiedenen Altersstufen gewinnen zu können, muss zunächst eine Einteilung der untersuchten Gruppen erfolgen. Grundsätzlich wird unterteilt nach Kindern und Jugendlichen, Heranwachsenden, jungen Erwachsenen (21-25 Jahre) und Erwachsenen. Von Alterskriminalität spricht man ab einem Alter von ca. 60-65 Jahren.

Jugendkriminalität

Jugendkriminalität ist der für Präventionsmaßnahmen interessanteste Bereich. Denn letztlich ist in diesem Alter eine Einwirkung auf mögliche kriminelle Karrieren noch am ehesten möglich.

Erkenntnisse der Dunkelfeldforschung

Zunächst einmal bleibt festzuhalten, dass Jugendkriminalität völlig normal ist. Sie ist darüber hinaus auch ubiquitär, sprich über alle Gesellschaftsschichten verteilt. Besonders charakteristisch ist auch ihre Episodenhaftigkeit. Das bedeutet, dass sie in den allermeisten Fällen von alleine verschwindet sich „auswächst“, also nur eine Episode darstellt.

Einfache, zumeist männliche Jugendkriminalität ist in aller Regel auch sanktionslos, bleibt also ohne Folgen für die jeweiligen Täter. Dies tritt insbesondere auf bei Ladendiebstahl, Leistungserschleichung („Schwarzfahren“), Vandalismus, Körperverletzung oder Betäubungsmittelkriminalität.

Auch wenn Jugendkriminalität getrost als normal bezeichnet werden kann, muss festgehalten werden, dass der Großteil der Taten nur von einem ganz kleinen Prozentsatz der Täter insgesamt ausgeführt wird. Insoweit liegt eine deutliche Höherbelastung einer Minderheit vor. So entfallen auf lediglich 6 % der Täter die Hälfte aller Taten und sogar ¾ der Gewaltdelikte.

Dennoch muss auch bei diesen jugendlichen „Intensivtätern“ vor einer Überdramatisierung gewarnt werden. Denn auch von diesen stark belasteten Jugendlichen bekommen die meisten noch „die Kurve“ mit dem Älterwerden. Die Annahme einer zwangsweisen Entwicklung zu ganzen kriminellen Karrieren entspricht nicht der Realität.

Zwischen Tätern und Opfern von Jugendkriminalität besteht meistens eine Identität. Das heißt, dass auch Jugendliche in aller Regel die Opfer jugendlicher Kriminalität sind. Oftmals wird dies in der Öffentlichkeit ganz anders wahrgenommen (sog. Kriminalitätsfurchtparadoxon). Im Dunkelfeld zeichnet sich zudem eine Annäherung der Belastung männlicher und weiblicher Täter ab. Dennoch gehen auch in der Realität die meisten Taten auf das „Konto“ männlicher Jugendstraftäter.

Insgesamt bleibt jedenfalls festzuhalten, dass die Jugendkriminalität sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Sicht sinkt, was sowohl die Hellfeld- als auch die Dunkelfelddaten bestätigen.

Umfang, Entwicklung und Struktur von Jugendkriminalität

Verhältnismäßig zu ihrem Bevölkerungsanteil sind Jugendliche und Heranwachsende deutlich höher belastet als irgendeine andere Altersgruppe.

Historisch gesehen kam es zu einem langfristig starken Zuwachs der Tatverdächtigenbelastungszahlen. Insbesondere in den 1990er Jahren war ein besonderes Anwachsen zu beobachten. Seit etwa 2001 ist die Zahl dann wieder deutlich rückläufig, seit 2008 auch bezogen auf Gewaltdelikte. Da es sich hierbei um Daten aus der polizeilichen Kriminalstatistik handelt, müssen diese immer mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden.

Es ist letztlich sehr zweifelhaft, ob es vor allem im Laufe der 90er Jahre tatsächlich zu einem derartigen Anstieg gekommen ist oder ob sich lediglich eine häufigere Registrierung von Taten auch durch eine Fokussierung der Gesellschaft auf jugendliche Straftäter, stattgefunden hat. Indikatoren für letzteres liegen vermehrt vor.

Erklärt werden kann dieses offenbar veränderte Kontrollverhalten, wie bereits gesagt, durch eine höhere Sensibilität insbesondere gegenüber Gewalt. Es hat sich sozusagen eine „Kultur des Hinschauens“ entwickelt. Weiterhin besteht mittlerweile eine Pflicht von Schulen, Delikte von Schülern zur Anzeige zu bringen. Hier ist interessant zu sehen, dass trotz dieser Anzeigepflicht ein deutlicher Rückgang von Gewalt an Schulen auch in statistischer Hinsicht erfolgt ist.

Eine Folge von solchen Entwicklungen ist die Schwächung informeller Sozialkontrolle (beispielsweise die Regelung von Konflikten zwischen Familien, ohne dabei die Polizei einzuschalten), die früher eher die Regel denn die Ausnahme dargestellt hat. Nicht zuletzt kann man heutzutage auf eine verbesserte technische Prävention zurückgreifen, die es jugendlichen Tätern schwieriger macht, nicht entdeckt zu werden.

Die große Mehrheit der Delikte die von Jugendlichen begangen werden spielen sich im Bagatellbereich ab. Überwiegend sind dabei mit ca. 2/3 die Eigentumsdelikte, meist in Form von (Laden-)Diebstählen.

Wie kann die starke Jugendkriminalität erklärt werden?

Um wirksame Präventionskonzepte entwickeln zu können, braucht man zunächst einmal überhaupt eine Vorstellung davon wie es zur hohen Belastung Jugendlicher bei delinquentem Verhalten kommt und worin die Ursachen hierfür liegen. Diese könnte zum einen im viel zitierten „sozialen Wandel“, also dem Zusammenspiel vielfältiger kriminalitätsbegünstigender Faktoren liegen.

In diesem Zusammenhang sind zunächst die Faktoren hervorzuheben, denen nahezu jeder Jugendliche unterliegt und auf die er kaum einen Einfluss hat. Gerade bei den stärker belasteten männlichen Jugendlichen ist dies ein Auseinanderfallen der körperlichen und sozialen Reife, das ein Gefühl der Orientierungslosigkeit mit sich bringen kann.

Begünstigt wird diese Entwicklung durch einen immer weiter voranschreitenden Wertewandel und –pluralismus. Jugendliche Menschen sind dabei aufgrund ihres Entwicklungsstandes besonders anfällig für retrospektiv scheinbar sehr fragwürdige Wertorientierungen.

Institutionen, die früher Einfluss auf solche Entwicklungen hatten, verlieren dabei immer mehr an Einfluss, sodass eine informelle Sozialkontrolle beispielsweise durch Familien, Schulen oder Kirchen deutlich weniger stattfindet.

Dieses soziale Umfeld der Jugendlichen kann aber natürlich auch sehr negativen Einfluss auf die Entwicklung desselben haben. Durch die Erfahrung häuslicher Gewalt oder sexueller Übergriffe im Kindesalter, werden für viele Jugendliche diese Verhaltensweisen zu legitimen Mitteln, um ihr Ehr- und Männlichkeitsverständnis zu bekräftigen.

An dieser Stelle spielt möglicherweise der stark gestiegene und viel einfacher zu verwirklichende massenmediale Konsum von Gewaltdarstellungen eine Rolle. Die Wirkung dieser Darstellungen auf Jugendliche ist jedoch alles andere als unumstritten.

Durch eine steigende Mobilität der Jugendlichen hat sich im Vergleich zu früher eine deutlich höhere Zahl an Tatgelegenheiten entwickelt, natürlich begünstigt durch eine zunehmende Konsumorientierung, die die Jugendlichen in ihrer Peer-Group unter Druck setzt. Oftmals kommt auch der erhöhte Konsum von Drogen oder Alkohol hinzu, der die Hemmschwelle der Täter senkt.

In diesem Zusammenhang ist auch die Wirkung gruppendynamischer Prozesse nicht zu unterschätzen. Gerade Jugendliche sind für Gruppenprozesse sehr empfänglich und leicht zu beeinflussen.

Erklärung durch allgemeine Kriminalitätstheorien

Natürlich spielen auch im Zusammenhang mit Jugendkriminalität die allgemeinen Kriminalitätstheorien eine gewisse Rolle, auch wenn speziell zur Erklärung von Jugendkriminalität nicht alle Theorien brauchbar sind.

Zunächst wird die Anomietheorie immer wieder vor allem im Zusammenhang zu Wohlstandskriminalität junger Menschen genannt. Wenn die Jugendlichen merken, dass sie ihre selbstgesteckten oder von ihrer Umwelt vorgesehenen Ziele auf legalem Wege nicht mehr erreichen, bedienen sie sich krimineller Mittel.

Eine große Rolle spielen auch die Lerntheorien in ihren unterschiedlichen Ausgestaltungen. Als Vorbild für die Jugendlichen, von denen sie sich kriminelles Verhalten „abschauen“, können ganz unterschiedliche Gruppierungen oder Personen dienen. Am häufigsten wird aber der Zusammenhang zu den Peergroups und der sonstigen Freizeitgestaltung der Jugendlichen hergestellt.

Hier sind auch die Gefahren nicht zu unterschätzen, die von einer stationären Unterbringung der Jugendlichen ausgehen können, indem sie eigentlich kriminelle Verhaltensweisen erst im Vollzug erlernen („Kriminalisierung“).

Anschließend an das Erlernen krimineller Verhaltensweisen in der Gruppe Gleichaltriger, können hier auch Subkulturtheorien ihre Bedeutung entfalten. Einher mit dem Erlernen der Verhaltensweisen geht häufig eine regelrechte Organisation von „Jugendbanden“, in denen eigene Wertvorstellungen gelten. Dieses Problem stellt sich bislang jedoch eher in Nordamerika und hat in Deutschland aktuell keine große Bedeutung.

Speziell zur Erklärung der Belastung Jugendlicher mit Migrationshintergrund der zweiten und dritten Generation, kann vermehrt auf die Bedeutung der Kulturkonfliktstheorien verwiesen werden. Diese führen die kriminelle Entwicklung in erster Linie auf eine Orientierungslosigkeit der jungen Täter zurück, die nicht wissen, welcher Kultur sie wirklich angehören, da das Erfahren von Kultur in Familie und im sonstigen sozialen Umfeld stark divergieren kann.

Kinderdelinquenz

Wie nicht anders erwartbar sind Kinder im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil stark unterrepräsentiert (ca. 3,6 %). Dominierend sind hier vor allem Delikte wie Ladendiebstähle oder Sachbeschädigung. Vergleichsweise hoch ist der Anteil der Kinder an Brandstiftungsdelikten (12,5 %). Alarmierend sollten Verstöße von Kindern jedoch nicht sein. Die Normverstöße sind in der Regel ein Ausdruck normalen altersgemäßen Verhaltens und lassen nicht etwa kriminelle Karrieren erwarten.

Kriminalität alter Menschen

Menschen, die älter als 60 Jahre sind, machen etwa 7,2 % der Tatverdächtigen aus. Der langfristige demographische Wandel lässt hier jedoch auf Dauer einen recht deutlichen Anstieg erwarten. Dies bedeutet in Zukunft auch ganz besondere Herausforderungen für den modernen Strafvollzug, der sich vermehrt auf ältere Häftlinge einstellen müssen wird.

Typische Altersdelikte sind alle Arten von Verkehrsdelinquenz, Diebstahl (vor allem bei Frauen), Sachbeschädigung (meist in leichter Form, wie Autos zerkratzen), Beleidigung oder Kindesmissbrauch.

Vertiefende Literatur:

  • Meier/Rössner/Schöch, Jugendstrafrecht, § 3.
  • Heinz, Jugendkriminalität zwischen Verharmlosung und Kriminalisierung, in: DVJJ-Journal 1997, S. 270-293
  • Schwind, Kriminologie, § 3






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