Das Normalarbeitsverhältnis, als Anstellung in einer unbefristeten Vollzeitstelle, war spätestens seit den 50er und 60er Jahren eines der grundlegenden Phänomene, die die soziale Marktwirtschaft mitdefinierte. Bis heute hat sich die Erwerbsbeschäftigung in vielerlei Hinsicht geändert und unbefristete Arbeitsverträge sind längst nicht mehr die Norm. Dies geht nicht zuletzt zu Lasten privater Lebensplanungen und Zukunftsperspektiven.
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Mädchen steht im eingezäunten Garten


Mit wachsender Industrie und zunehmender Globalisierung wurde eine verbesserte Wettbewerbs- und Flexibilisierungsfähigkeit gefordert und dabei vor allem persönliche und soziale Risiken der Beschäftigten außen vor gelassen. Befristete Arbeitsverträge sind seitdem Teil der sogenannten prekären Beschäftigung außerhalb des Normalarbeitsverhältnisses und Resultat des arbeitsmarktpolitischen und wirtschaftlichen Systemwandels.

Die größte Herausforderung für Berufseinsteiger

Vor allem auch Studienabgänger und im Allgemeinen junge Personen stehen vor der großen Herausforderung, den Einstieg am Arbeitsmarkt zu meistern. In den mehrjährigen Bildungsphasen von Studium und Ausbildung erbringen viele Praktika und Zusatzleistungen, in der Hoffnung auf verbesserte Karrierechancen – und stehen dann nach dem Abschluss vor einer weiterhin unsicheren Zukunftsplanung.

Von den 25 bis 34-Jährigen befinden sich 17,2 % der Arbeitnehmer in Deutschland in einem befristeten Arbeitsverhältnis – das ist mehr als doppelt so viel, wie noch im Jahre 1991 und auch heute auffallend hoch im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung (nur 8,1 % der deutschen Bevölkerung insgesamt befinden sich in einem befristeten Arbeitsverhältnis). In der jüngeren Generation, den 15 bis 24-Jährigen, arbeiten sogar etwa die Hälfte per befristetem Vertrag. Gerade für diese junge Zielgruppe ist es eine grundlegende Voraussetzung, befristete Arbeitsverträge anzunehmen, um den Einstieg am Arbeitsmarkt zu meistern. Laut dem Gabler Wirtschaftslexikon werden heute rund 45 % der neu ausgestellten Arbeitsverträge befristet vergeben.

OECD-Länder im Vergleich

Dass es in Deutschland insbesondere der Mangel an Alternativen ist, der viele junge Arbeitssuchende veranlasst, auch befristete Verträge anzunehmen, zeigen Daten der OECD Länder im Vergleich. In Deutschland gab über die Hälfte an, keine unbefristete Arbeitsstelle gefunden zu haben, während sich weitere Befragte nur in der Probezeit befinden und somit befristete Verträge annehmen müssen. Nur weniger als 5 % haben das Arbeitsverhältnis auf Zeit frei gewählt.

Die Ergebnisse demonstrieren im internationalen Vergleich, dass vor allem auch in Spanien, Griechenland und Portugal kaum andere Möglichkeiten als die Annahme eines befristeten Arbeitsvertrages zur Verfügung stehen. Für Island überraschen dagegen 50 % der Befragten, die aus einer freien Entscheidung heraus eine befristete Arbeitsstelle gewählt haben. Hier zeigt sich im Gegensatz zu Deutschland geradezu die Präferenz von mehr Flexibilität und Ungebundenheit.

Im Vergleich mit anderen Industrieländern liegt Deutschland im Allgemeinen mit der Anzahl befristeter Beschäftigter im Mittelfeld.

Anreize für Firmen

Wirtschaftliche und ökonomische Vorteile der befristeten und prekären Arbeitsverhältnisse sind vor allem für die Unternehmerseite essentiell. Konjunkturellen Schwankungen entsprechend können Arbeiter eingestellt oder auch schneller entlassen werden.

Auch im Falle, dass Projekte für befristete Zeit anstehen, deren Budget ebenfalls nur über einen eingegrenzten Zeitraum zur Verfügung gestellt wird, bietet der befristete Arbeitsvertrag die ideale Ergänzung für Unternehmer und ihre Kalkulationen. Die kurzzeitige Hilfe mit wenig Kündigungsschutz kann notfalls gar früher entlassen werden.

Des Weiteren sei die Probezeit zu kurz, um wirklich herauszufinden, ob der Bewerber auf die Stelle passt – im Zweifelsfall läuft bei einem befristeten Verhältnis dann der Vertrag einfach aus und ein geeigneterer Bewerber kann erneut gesucht werden.

Gesetzliche Rahmenbedingungen

In Deutschland muss für die Ausstellung eines befristeten Arbeitsverhältnisses ein Sachgrund vorliegen, der im Arbeitsvertrag bestenfalls schriftlich vermerkt ist. In diesem Fall darf der befristete Vertrag beliebig oft verlängert werden. Ein Sachgrund kann beispielsweise die Vertretung für eine schwangere Kollegin oder einen Krankheitsfall sein.

Individuelle und soziale Auswirkungen

Die wohl größte Sorge, die eine befristete Stelle für den Arbeitnehmer mit sich bringt, ist die ungewisse Zukunft. Oft müssen auch trotz der kurzen Gültigkeit des Vertrages Kompromisse eingegangen werden; der Lebensmittelpunkt wird beispielsweise in eine andere Stadt hin verlagert oder weitere Anfahrtswege in Kauf genommen. Da das Eingehen des befristeten Arbeitsvertrages im Normalfall nicht aus freier Wahl geschieht, wird die Planung der eigenen Zukunft ebenfalls fremdbestimmt. Perspektiven auf Frist – so heißt dann das Fazit vieler junger Arbeitnehmer.

Und diese Befristung beschreibt auch im sozialen Kontext Perspektivlosigkeit. Personen sehen keine Anreize mehr, sich beispielsweise ehrenamtlich, in Vereinen oder sonstigem zu engagieren, wenn zu aller Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zeit der nächste Umzug ansteht. Auch fällt der soziale Rückhalt durch einen festen Freundeskreis weg. Resultat kann dann zum Beispiel eine geringere Integration der Gesellschaft sein.

Weiterhin ist ein gerade für Deutschland schwerwiegendes Problem, dass mit der unmöglichen Planung der nächsten Lebensjahre auch die Geburtenrate zurückgeht. Denn ohne finanziellen und auch den beschriebenen sozialen Rückhalt ist kaum eine junge Familie bereit, die Zukunft über die nächsten Jahre hinaus zu planen.

Einzig und allein in ihrer Wettbewerbsfähigkeit verlieren Beschäftigte in befristeten Arbeitsverhältnissen nichts. In Hinsicht auf berufsqualifizierende Weiterbildungsmaßnahmen ließen sich nach einer Studie des IWH keine negativen Auswirkungen für Personen in befristeten Arbeitsverhältnissen entdecken. Es ergäbe sich demnach „(kein) systematisch(er) Nachteil in Bezug auf die Wahrnehmung beruflicher Weiterbildungsangebote gegenüber unbefristet Beschäftigten“, so das Fazit der Nachforschungen.

Was die Zukunft bringt

Welche Chance bleibt also jungen Menschen beim Einstieg am Arbeitsmarkt? Wohl vor allem, die befristeten Jobs als Sprungbrett in ein Arbeitsverhältnis auf längere Zeit zu sehen – oder zumindest darauf zu hoffen. Außerdem wird sich wohl in den nächsten Jahren die Problematik dadurch auflösen, dass Unternehmer aufgrund des demografischen Wandels händeringend nach Fachpersonal suchen werden – und damit endlich einmal die privaten und individuellen Interessen der Arbeitnehmer mit im Vordergrund stehen dürften.

Quellen

OECD Employment Outlook 2014 via keepeek.com
Destatis. Statistisches Bundesamt: Befristete Beschäftigung via destatis.de
Institut für Wirtschaftsforschung Halle IWH. E. Reinowski, J. Sauermann: Hat die Befristung von Arbeitsverträgen einen Einfluss auf die Weiterbildung geringqualifiziert beschäftigter Personen?
Arbeitsmarkt. Immer mehr befristete Verträge für Berufseinsteiger. via handelsblatt.com
Arbeitsvertrag. Die Befristung ist Berufsalltag. via zeit.de
Arbeitsmarkt. Befristete Arbeitsverträge: Ein Jahr, ein Job – und dann? via augsburger-allgemeine.de
Gabler Wirtschaftslexikon: Atypische Beschäftigung. via wirtschaftslexikon.gabler.de



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