Das Vorstellungsgespräch ist die erste unmittelbare Begegnung zwischen dem Unternehmen und einem möglichen zukünftigen Mitarbeiter. Für eine von Beginn an starke Bindung sollte der hinterlassene Eindruck daher auf beiden Seiten positiv sein. Diverse Ratgeber in gedruckter Form und im Internet bezeugen jedoch eines: Nämlich, dass Bewerber das erste Gespräch häufig als belastend, stressig und allgemein eher negatives Erlebnis empfinden - Prüfungssituation statt erstes Kennenlernen.
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Bild: “Oktoberfest 2011 – Vorbereitungen” von digital cat. Lizenz: CC BY 2.0


Das Vorstellungsgespräch: Prüfung oder gegenseitiges Kennenlernen?

Wenn ein wichtiges Vorstellungsgespräch ansteht, ist es für den Bewerber immer ratsam, sich gut darauf vorzubereiten. Neben gedruckter Literatur bietet auch das Internet reichlich Material dazu. Die meist gelesenen Texte zu diesem Thema tragen oft Titel wie „Die zehn häufigsten Fragen“ oder „Die besten Antworten auf die fiesen Fragen der Personaler“ und verweisen damit bereits auf den oft sehr gleichförmigen, standardisierten Charakter des Gesprächs. Auch für spezielle Dinge wie die berühmte Frage nach den Schwächen gibt es inzwischen Anleitungen mit guten Antworten.

Das Vorstellungsgespräch ist der erste persönliche Kontakt zwischen einem potentiellen neuem Mitarbeiter und Vertretern des möglicherweise zukünftigen Arbeitgebers. Und doch erscheint es oft als eine Prüfung, bei der es gilt, auf die fiesen Fragen ebenso fieser Personalmanager angemessen zu reagieren.

Unter den eingangs erwähnten Überschriften finden sich auf die am häufigsten gestellten Fragen dann auch Antworten, die den Personalern nur eines zeigen: ob sich ein Bewerber im Vorfeld entsprechend vorbereitet hat. Ob nach den größten Stärken und Schwächen, den Karrierezielen oder den Gründen für die Bewerbung: Die Beantwortung dieser Fragen lässt sich im Vorfeld gut vorbereiten und bietet dem Bewerber eine gute Möglichkeit, sich in einem positiven Licht darzustellen.

Ob er jedoch zum Unternehmen passt und für die freie Stelle geeignet ist, lässt sich über solche Standardfragen nur bedingt in Erfahrung bringen.

Die fachliche Eignung sollte sich im Großen und Ganzen bereits anhand der Bewerbungsunterlagen und Qualifikationen ermitteln lassen, sodass der Fokus im Vorstellungsgespräch auf das gegenseitige Kennenlernen gelegt werden kann. Es empfiehlt sich auch, bereits in der Annonce so viele Informationen über die Stelle zu geben wie möglich.

Im Vorstellungsgespräch sollte es schließlich hauptsächlich darum gehen, miteinander in’s Gespräch zu kommen. Die Erwartungen, sowohl des Bewerbers als auch des Unternehmens, müssen ausführlich geklärt werden. Schließlich soll anhand dieser entschieden werden können, ob beide zueinander passen.

Zu diesem Zweck kann es auch hilfreich sein, den Leiter der entsprechenden Abteilung mit der vakanten Stelle beim Gespräch dabei zu haben. Dieser kann am besten beurteilen, ob der Bewerber in’s Team passt.

Leitfaden statt Standardfragen

Das Vorstellungsgespräch sollte nicht unvorbereitet oder mit einer Liste von Standardfragen angetreten werden. Vielmehr empfiehlt es sich, mithilfe des eines Anforderungsprofils einen Leitfaden zu entwerfen. Dieser dient als roter Faden während des Gesprächs, um die relevanten Punkte nicht aus dem Auge zu verlieren. Gleichzeitig bietet er aber genügend Freiraum, um nach links und rechts auszuscheren und auf die Antworten individuell eingehen zu können. Eine gute Vorbereitung bezüglich des Lebenslaufes des Bewerbers eröffnet einem Personaler auch die Möglichkeit zu gezielten Fragen hinsichtlich der bisherigen Tätigkeiten und damit auch zu einem genaueren Bild des Bewerbers.

Man sollte keine Fragen nach persönlichen Stärken und Schwächen stellen. Häufig werden darauf nur Antworten gegeben, von denen der Bewerber glaubt, dass sie sein Gegenüber gern hören möchte. Stattdessen lieber nach konkreten Erfolgs- und Misserfolgen in der beruflichen Vergangenheit des Bewerbers fragen. Sofern der Bewerber ehrlich antwortet, ergibt sich ein viel genaueres Bild seiner Fähigkeiten. Wenn zusätzlich nachgefragt wird, inwieweit sich der Bewerber seiner Meinung nach von anderen in der gleichen Situation unterschieden habe, lässt sich aus der Antwort auf Durchsetzungsvermögen, Engagement und Alleinstellungsmerkmale schließen, wie Jochen Mai in der Karrierebibel betont.

Ein Personaler sollte im Vorstellungsgespräch keine allzu absurden Fragen, wie beispielsweise “Wenn Sie ein Tier wären, welches wären Sie dann?” stellen. Die Antwort darauf erlaubt im besten Falle nur wenig Rückschlüsse auf das Potenzial des Bewerbers. Im schlimmsten Falle riskiert der Personaler, von seinem Gegenüber nicht mehr ernst genommen zu werden. Um den Bewerber aus der Reserve zu locken und seinen Umgang mit Stresssituationen zu überprüfen, empfiehlt es sich eher, mit ihm Szenarien durchzuspielen, auf die er im annoncierten Job treffen könnte.

Außerdem sollte der Bewerber nicht mit Fragen, die über das Fachliche hinausgehen, überrumpelt werden. Er könnte sich damit unwohl fühlen und schlimmstenfalls auch eine geistig abwehrende Haltung einnehmen. Stattdessen sollte sich, wie Wolfgang Elsik von der Wirtschaftsuniversität Wien betont, der Fokus der Fragen von der fachlichen hin zur sozialen Ebene bewegen. Sprich: Fragen, die den Bewerber persönlich betreffen und unter Umständen emotional berühren könnten, wie beispielsweise zu Misserfolgen oder zum Grund des Jobwechsels, sollten erst im späteren Verlauf thematisiert werden. Der Grund dafür ist, dass das Gespräch auf diese Weise erst einmal in Gang kommen und der Bewerber “warm” werden kann, bevor potentiell heikle, persönliche Dinge angesprochen werden.

Fazit

Damit das Arbeitsverhältnis von Anfang an von gegenseitigem Respekt und Vertrauen geprägt ist, ist es wichtig, dass das Vorstellungsgespräch auch tatsächlich dies ist: ein Gespräch, keine Prüfung. Personaler sollten nicht aus dem Blick verlieren, dass Standardfragen oft nur in begrenztem Maße individuelle Rückschlüsse auf einen Bewerber zulassen.

Ähnlich, wie der Bewerber sich auf das Gespräch vorbereiten muss, sollte dies auch seitens des Personalers geschehen, um die ideale Besetzung für die freie Stelle zu bekommen. Ein Leitfaden, der die Anforderungen der zu besetzenden Position genau berücksichtigt und dem Interviewer die Möglichkeit gibt, individuell auf den Bewerber einzugehen, ist dabei der beste Weg.

Vor allem in Zeiten großer Mobilität, auch in Karrierefragen, ist es wichtig, die Mitarbeiter eng an das Unternehmen zu binden. Ein erster, guter Eindruck auf beiden Seiten ist dabei der beste Anfang.

 

Quellen

Bewerbungsgespräche. Worauf Sie als Personaler achten sollten via berufsstrategie.de

Recruiter-FAQ für das Bewerbungsgespräch via karriere.at

Schwächen im Bewerbungsgespräch. Beispiele und Antworten via karrierebibel.de

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Ein Gedanke zu „Warum Standardfragen im Vorstellungsgespräch nicht ausreichen

  • Christian Püttjer

    Insbesondere Führungskräfte sollten sich zur Vorbereitung auf Vorstellungsgespräch auch überlegen, wie sie Wirkung ihrer Worte steigern können. Fakten allein überzeugen nämlich nicht. Stattdessen ist es wichtig, zu fokussieren oder Erfolge beispielhaft in Form eines Storytellings zu vermitteln.
    Wer dazu mehr erfahren mag: http://www.karriereakademie.de/karriereblog/fuehrungskraefte-im-vorstellungsgespraech-wie-steigern-sie-die-wirkung-ihrer-worte