Können Sie sich vorstellen, dass ein anderer Mensch einen Vorteil aus Ihren Ausscheidungen ziehen könnte? Dass es ihm deutlich besser geht, wenn er fremden Stuhl in seinem Darm mit sich rumträgt? Was sich befremdlich anhört, ist längst Realität. Bei einer sogenannten Stuhltransplantation wird Patienten mit bestimmten Darmerkrankungen der aufbereitete Stuhl einer anderen Person eingesetzt. Alles über diese merkwürdige Therapie erfahren Sie hier.

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Bild: “Party's Over” von  Thomas. Lizenz: CC BY ND 2.0

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Der Hype um den Darm – Mikrobiomforschung

Bisher wurde der Darm eher zu den weniger spektakulären Organen gezählt. Lang, groß, robust und wenig sensibel gegen Veränderungen. Man kann problemlos kürzere Abschnitte entfernen und die Enden wieder zusammennähen, ohne dass es die Lebensqualität des Patienten enorm beeinträchtigt.

Während der Darm also bis jetzt eher wenig Beachtung fand, rückte er in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus der Forschung. Vor allem das Mikrobiom ist dabei interessant. Darunter versteht man die Gesamtheit der Mikroorganismen, die ein Lebewesen besiedeln. Beim Menschen sind 90 % der Zellen Bakterien – kaum vorstellbar also, dass die Zusammensetzung dieser Flora keinen Einfluss auf den ganzen Körper haben soll.

Und genau dieser Einfluss ist Gegenstand der sogenannten Mikrobiomforschung. Man konnte schon herausfinden, dass die Zusammensetzung der Darmflora im Zusammenhang mit Fettleibigkeit und Krebs steht. Obwohl bisher noch unklar ist, was hier die Henne und was das Ei ist – dass die Darmflora eine weitaus wichtigere Rolle spielt, als bisher angenommen, steht mittlerweile fest.

Um das Mikrobiom besser zu untersuchen, wurde 2007 ein Projekt zur Sequenzierung aller Genome dieser Bakterien ins Leben gerufen. Das National Institute of Health, kurz NIH, sammelt unter dem Namen „Human Microbiome Project“ diese Informationen in einer Datenbank, analog zum 2003 abgeschlossenen „Human Genome Project“.

Wenn die Bakterien außer Kontrolle geraten

Besonders das Mikrobiom des Darms ist sehr empfindlich. Der Darmkeim Clostridium difficile beispielsweise ist eigentlich harmlos, solange er von seinen Mitbewohnern, also der restlichen Darmflora, zurückgehalten wird. Werden diese jedoch durch Antibiotika zerstört, breitet es sich aus und produziert gefährliche Giftstoffe. Das Bakterium verursacht auf diesem Weg schwere Entzündungen und Durchfälle im Darm, die schnell lebensbedrohlich werden können. Über die Hälfte der Betroffenen stirbt an den Folgen dieser Erkrankung.

Clostridium-difficile-assozierte Diarrhöen stellen zudem ein schwerwiegendes Problem für das Gesundheitssystem dar. Sie verursachen durch Intensivtherapie und längere Krankenhausaufenthalte jährliche Mehrkosten von bis zu 3 Milliarden Euro für das Gesundheitssystem. Auch entwickeln sich immer mehr Stämme, die gegen bestimmte Antibiotika resistent sind, vor allem in den USA.

Hier kommt die Stuhltransplantation als Therapie ins Spiel. Der Ansatz ist noch nicht fest etabliert, schürt aber Hoffnung auf eine wirksame Therapie. Eine Anfang 2013 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie aus den Niederlanden konnte einen größeren Heilungserfolg für die Stuhlübertragung im Vergleich zur herkömmlichen Antibiotikatherapie zeigen. Mit der Stuhlübertragung konnten 13 von 16 Patienten geheilt werden, mit Antibiotika nur 4 von 13.

Für die Transplantation wird Stuhl vom Empfänger gefiltert und mit Kochsalzlösung verdünnt und über eine Nasensonde oder ein Koloskop in den Darm eingebracht. Nebenwirkungen wie Aufstoßen, Durchfälle und Bauchkrämpfe verschwanden nach kurzer Zeit. Als andere Indikation wurde die Stuhltransplantation auch erfolgreich beim weit verbreiteten Reizdarmsyndrom und bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt.

Geschichtliches zur Stuhlübertragung

Wie so oft, ist die Stuhltransplantation keine neue Erfindung. In seinem Lehrbuch „Heilsame Dreck-Apotheke“ schreibt der deutsche Arzt Christian Franz Paullini schon im 17. Jahrhundert über die innere Anwendung von Stuhl und auch Überlieferungen aus dem alten China lassen vermuten, dass Stuhl schon früher als Heilmittel interessant war.

Die erste Stuhltransplantation wurde 1958 in Denver bei einem Patienten mit Clostridium-assoziierter pseudomembranöser Colitis durchgeführt. Danach wurde der Ansatz jedoch ruhen gelassen und erst vor etwa 10 Jahren wieder von Forschern aufgegriffen.

Kritik und Ausblick

Mikrobiologen empfehlen als Überträger eine Person im näheren Umfeld. Grund dafür ist, dass ähnliche Lebensumstände bzw. die gleiche Umwelt auch eine ähnliche Darmflora fördern. Gefahr bei der Stuhlübertragung ist nämlich auch eine Infektion mit anderen gefährlichen Keimen und Krankheiten. Außerdem ist immer noch zu wenig über das Mikrobiom bekannt und man bewegt sich auf unsicherem Terrain.

Während die niederländische Studie erfolgsversprechend war, beschränken sich andere Studien eher auf Einzelfallberichte. Dennoch läuft die Forschung zur Stuhltransplantation weiter auf Hochtouren und man findet eine große Anzahl an aktuellen Studien und Berichten auf pubmed. Langzeitstudien und verblindete Studien müssen unbedingt folgen, bevor der Mikrobiomtransfer als Heilmethode etabliert werden kann.

Sie dürfen also gespannt sein, wie sich die Therapie rund um den Stuhl weiterentwickelt – und ob Sie eines Tages vor der Frage stehen, jemanden mit Ihrem Stuhl Hilfe zu leisten und die Ekelgrenze zu überwinden.

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