Die Abgrenzung zwischen Raub und räuberischer Erpressung zählt zu den Topthemen in den strafrechtlichen Staatsexamensklausuren. Doch was unterscheidet diese beiden Delikte eigentlich und in welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Wir bringen Licht ins Dunkel und erklären Ihnen den Meinungsstand.
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Bild: “The Robbery” von Geoffrey Fairchild. Lizenz: CC BY 2.0

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Einen Einstieg in die Thematik soll eine kurze Darstellung der Tatbestände von Raub und räuberischer Erpressung bieten.

Der Raubtatbestand, § 249 StGB

Der Raub erfordert im objektiven Tatbestand die Wegnahme einer fremden beweglichen Sache unter Anwendung einer qualifizierten Nötigung, die entweder in der Gewalt gegen eine Person oder der Drohung mit einer gegenwärtigen Gefahr für Leib oder Leben besteht. Dabei wird auch ein Finalzusammenhang zwischen dem Nötigungsmittel und der Wegnahme verlangt.

Subjektiv muss der Täter vorsätzlich und mit der Absicht einer rechtswidrigen Zueignung handeln. Auf die Rechtswidrigkeit muss sich auch der Vorsatz des Täters erstrecken. Gegebenenfalls kommt noch eine Qualifikation nach § 250 StGB (schwerer Raub) bzw. § 251 StGB (Raub mit Todesfolge) in Betracht.

Der Tatbestand der räuberischen Erpressung, §§ 253, 255 StGB

Auch der objektive Tatbestand der räuberischen Erpressung setzt eine qualifizierte Nötigung in Gestalt der Gewalt gegen eine Person bzw. der Drohung mit einer gegenwärtigen Gefahr für Leib oder Leben voraus. Ferner ist ein Handeln, Dulden oder Unterlassen des Opfers erforderlich. Umstritten ist allerdings, ob auch eine Vermögensverfügung des Opfers verlangt wird. Hinzukommend muss ein unmittelbarer Vermögensnachteil vorliegen.

Subjektiv werden der Vorsatz und die Bereicherungsabsicht des Täters verlangt. Darüber hinaus muss die beabsichtigte Bereicherung rechtswidrig sein. Hierauf muss sich auch der Vorsatz des Täters beziehen. Hinzukommend wird Stoffgleichheit zwischen der angestrebten Bereicherung und dem Vermögensschaden verlangt. Auch bei der räuberischen Erpressung können die Qualifikationen der §§ 250, 251 StGB einschlägig sein.

Erfordert die räuberische Erpressung eine Vermögensverfügung?

Es ist umstritten, ob für die Annahme einer räuberischen Erpressung eine Vermögensverfügung des Opfers erforderlich ist:

Der BGH und ein Teil der Literatur erachten eine Vermögensverfügung im Rahmen einer räuberischen Erpressung als nicht erforderlich. Stattdessen genüge hier jedes Handeln, Dulden oder Unterlassen als taugliches Opferverhalten (BGH NJW 1973, 2072 (2072)). Damit wird die räuberische Erpressung zu einem Fremdschädigungsdelikt stilisiert, das Parallelen zur Nötigung nach § 240 StGB aufweist (vgl. Rönnau, JuS 2012, 888 (889)).

Nach dieser Meinung ist der Raub das speziellere Delikt, wohingegen die räuberische Erpressung nach §§ 253, 255 StGB das Grunddelikt darstellt (BGH NStZ 2003, 604 (605)). Um zwischen Raub und räuberischer Erpressung abzugrenzen, schaut der BGH auf das äußere Erscheinungsbild der Tat (BGHSt 7, 252 (255); BGH NStZ 2011, 80 (80)). Sofern danach eine Wegnahme seitens des Täters vorliegt, handelt es sich um einen Raub. Gibt das Opfer die Sache dagegen heraus, ist die räuberische Erpressung als Auffangtatbestand einschlägig.

• Nach Ansicht der herrschenden Lehre handelt es sich bei der räuberischen Erpressung dagegen um ein Selbstschädigungsdelikt, das eine Vermögensverfügung (sogenannte Verfügungstheorie) voraussetzt (vgl. Schönke/Schröder/Bosch/Eser StGB § 255 Rn. 3). Dabei wird eine Parallele zum Betrug nach § 263 StGB erblickt. Ob eine Wegnahme oder eine Vermögensverfügung vorliegt, entscheidet die Literatur nach der inneren Willensrichtung des Opfers (vgl. Lackner/Kühl/Karl Lackner StGB § 255 Rn. 2).

Innerhalb der Literatur gibt es zwei Haupttendenzen hinsichtlich der Frage, wie die Vermögensverfügung ausgestaltet werden soll (s. dazu Rönnau, JuS 2012, 888 (890)). Nach einer Ansicht muss sich ein freiwilliges Verhalten des Opfers unmittelbar vermögensmindernd auswirken. Nach anderer Ansicht ist es erforderlich, dass dem Opfer aus seiner Sicht eine Schlüsselrolle zukommt. Der Täter muss danach aus der Perspektive des Opfers auf seine Mitwirkung angewiesen sein.

Zwischen Raub und räuberischer Erpressung besteht demnach ein Exklusivitätsverhältnis: Der Raub kommt in Betracht, wenn eine Wegnahme seitens des Täters vorliegt. Ist stattdessen eine Vermögensverfügung durch das Opfer gegeben, handelt es sich um eine räuberische Erpressung (vgl. Lackner/Kühl/Karl Lackner StGB § 255 Rn. 2).

Die Streitentscheidung

Gegen die Ansicht der herrschenden Lehre lassen sich unter anderem folgende Argumente ins Feld führen:

• Der Wortlaut der §§ 253, 255 StGB erfordert keine Vermögensverfügung.
• Darüber hinaus erscheint es nicht gerechtfertigt, dass die Literaturansicht den besonders brutalen Täter, der mit vis absoluta handelt, privilegiert und die räuberische Erpressung in seinem Fall nicht für einschlägig hält.

Gegen die Meinung des BGH und eines Teils der Literatur kann man unter anderem folgende Punkte einwenden:

• Die Differenzierung, ob nach dem äußeren Erscheinungsbild eine Wegnahme oder Weggabe vorliegt, wirft erhebliche Unsicherheiten auf. So ist es bspw. fraglich, welche von beiden Handlungen gegeben ist, wenn das Opfer davon läuft und den vom Täter begehrten Gegenstand einfach liegen lässt (Rönnau, JuS 2012, 888 (890)).
• Gegen das Argument, dass das Gesetz eine Vermögensverfügung nicht voraussetze, ist außerdem einzuwenden, dass auch im Rahmen des Betrugs nach § 263 StGB die Vermögensverfügung als ungeschriebenes Tatbestandsmerkmal anerkannt ist (vgl. MüKoStGB/Hefendehl StGB § 263 Rn. 273).
• Weiterhin muss die Anwendung von vis absoluta kein besonders brutales Nötigungsmittel darstellen. Dies verdeutlicht etwa das Beispiel des Einsperrens des Opfers.
• Darüber hinaus setzt die Rechtsprechung das Merkmal der Zueignungsabsicht außer Kraft, sofern die Wegnahme einen Vermögensschaden nach sich zieht. Hierdurch wird die Privilegierung des § 248 b StGB unterlaufen (MüKoStGB/Sander StGB § 253 Rn. 18).

Die Ansicht der herrschenden Lehre ist demnach vorzugswürdig (andere Ansicht vertretbar).

Konsequenzen des Meinungsstreits

Da der Täter bei einer räuberischen Erpressung gemäß §§ 253, 255 StGB „gleich einem Räuber“ zu bestrafen ist, ist es in vielen Fällen unerheblich, ob er nun wegen dieses Verbrechens oder wegen Raubes nach § 249 StGB bestraft wird.

Die Abgrenzung der beiden Delikte wird jedoch relevant, wenn der Täter die Sache wegnimmt, aber ohne Zueignungsabsicht handelt bzw. ein anderes Tatbestandsmerkmal des Raubes nicht erfüllt ist.

Beispielfall

T träumt schon lange davon, eine Spritztour mit dem Quad seines Freundes O zu unternehmen. O hat ihm aber unmissverständlich klar gemacht, dass dieses sein Ein und Alles ist und T sich seinen Traum abschminken soll. Als T den O eines Tages in seiner Garage antrifft, schlägt er ihn mit einem Schraubenschlüssel nieder und fährt los. Nach zweistündigem Fahrspaß bringt er das Fahrzeug wieder zurück.
Strafbarkeit des T?

Die Rechtsprechung, die für die räuberische Erpressung keine Vermögensverfügung verlangt, kann T nach den §§ 253, 255 StGB bestrafen. Nach Ansicht der Literatur ist dagegen nur eine Verurteilung wegen (schwerer) Körperverletzung, des unbefugten Gebrauchs eines Fahrzeugs (§ 248b StGB) sowie einer Nötigung nach § 240 StGB möglich.

Aufsätze zur Vertiefung der Thematik:

Rönnau: Grundwissen – Strafrecht: Abgrenzung von Raub und räuberischer (Sach-)Erpressung, JuS 2012, S. 888 ff.

Kudlich/Aksoy: Eins, zwei oder drei? – Zum Verhältnis von Raub, räuberischem Diebstahl und räuberischer Erpressung in der Fallbearbeitung, JA 2014, S. 81 ff.

 

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